Für die Handballerinnen des HC Salzland 06 ging eine ereignisreiche Saison in der 3. Liga zu Ende. Mit Platz vier haben die "Wildgänse" alle Erwartungen übertroffen und dabei so machen Favoriten zur Verzweiflung gebracht.

Staßfurt l Die Salzländerinnen haben über die gesamte Saison jeden Gegner geschlagen, außer HaSpo Bayreuth. Im Hinspiel trennten sich beide Teams mit einem 16:16-Unentschieden, im Rückspiel unterlag der HCS auswärts mit 20:24. "Während eines Vorbereitungsturniers trafen wir bereits auf Bayreuth - und haben hoch gewonnen", erinnert sich Salzlands Kapitän Yvonne Sachse. Der Gegner könnte deswegen unterschätzt worden sein. Hinzu kam, dass "uns das Team einfach nicht lag".

Doch der Ärger über den einzigen Kontrahenten, der nicht bezwungen werden konnte, verpuffte angesichts der starken restlichen Resultate. "Die Hinrunde lief bereits gut. Aber die Rückrunde lief noch besser", sagt Sachse. "Damit hatte keiner gerechnet."

Heimsiege gegen die drei Erstplatzierten der Liga

Unter anderem revanchierten sich die "Wildgänse" bei Kirchhof, Fritzlar und Marienberg - den drei Erstplatzierten - für die Niederlagen der Hinrunde. Und alle drei Siege gegen die Favoriten wurden in der Staßfurter Paul-Merkewitz-Halle eingefahren. Zufall? Nein: "Wir haben uns alle in Staßfurt sehr wohl gefühlt. Die Halle und die Zuschauer haben uns noch mehr motiviert. Egal, wer anreiste, es ging immer etwas", erklärt Sachse den Merkewitz-Nimbus. Gegen Bayreuth trat der HCS im Übrigen in Aschersleben an. Einzig Bad Salzuflen verließ Staßfurt als Sieger. Die Revanche dafür wurde jedoch mit 26:24 im letztem Spiel der Saison geübt. Unabhängig von Bad Salzuflen bliebt Sachses Fazit: "Zuhause waren wir eine Macht." Die Statistik belegte dies. Von möglichen 26 Punkten fuhr der HCS 23 ein.

Skepsis gegenüber René Linkohr legt sich schnell

Dass am Ende der vielumjubelte vierte Platz heraussprang, ist kein Zufall. Gleich mehrere Faktoren wirkten positiv zusammen. Der vermutlich wichtigste, war der Trainer. Mit René Linkohr ging der HC Salzland 06 ein Wagnis ein, denn er hatte zuvor nie eine Frauenmannschaft trainiert. "Das Experiment ist in jedem Fall geglückt", weiß Sachse. Sie macht allerdings auch keinen Hehl daraus, anfangs skeptisch gewesen zu sein: "Wir hatten schon ein bisschen `Schiss`. Vorher nur Männer und nun wir? Wird er im Training zu hart und kann er mit uns umgehen?"

Doch die Skepsis legte sich schnell, was vor allem an Linkohr lag. "Er ist ein Typ, der uns sofort ansah, wenn es uns nicht gut ging. Er suchte sofort das Gespräch und war schnell nah an der Mannschaft dran", erklärt der Kapitän. Allerdings mussten sich auch die Salzländerinnen an "den Neuen" gewöhnen. "Manchmal schlug er einen ungewohnten Ton an. Da haben wir gemerkt, dass er vorher Männer trainierte." Aber das Team habe sich schnell daran gewöhnt, "zumal er ja nie etwas böse meinte". Und auf den Mund gefallen sind die "Wildgänse" ohnehin nicht. Sachse verrät: "Wenn mal ein Spruch vom Trainer kam, gab es auch mal einen zurück." Man wusste, sich zu nehmen, wie man ist. Leicht hatte es Linkohr nach Angaben von Sachse nicht immer, denn die Spielerinnen hätten kaum eine Gelegenheit ausgelassen, "miteinander zu sabbeln".

René Linkohr brachte außerdem die Akribie mit, die es in der 3. Liga benötigte. Er studierte die anderen Mannschaften förmlich und instruierte dann die Spielerinnen. "Wir waren immer richtig gut auf den Gegner eingestellt." Damit nicht genug, er feilte auch an der ohnehin schon starken Abwehr und besserte das Manko Positionsangriff aus. "Er hat uns definitiv weitergebracht", lobt Sachse.

Abschiedsgedanken sorgen für doppelte Motivation

Doch nicht nur das Leistungsvermögen war ein Salzländer Erfolgsgarant. Während erst im letzten Heimspiel (24:22 gegen Marienberg) bekannt gegeben wurde, dass der Verein in der kommenden Saison aus finanziellen Gründen nicht mehr für die 3. Liga meldet, wussten es die Spielerinnen schon weitaus länger. Entsprechend kam der psychische Faktor hinzu, sich einerseits würdig zu verabschieden, andererseits aber auch genau diese Gedanken zu verdrängen. "Wir wussten, dass es nicht weitergeht - und waren deswegen doppelt motiviert", sagt Sachse. "Wir haben uns dann umso mehr gefreut, wenn diejenigen, die sonst weniger spielten, Einsatzzeiten bekamen und sogar trafen."

Klauß, Jäger und Schwarz zählen zu Leistungsträgern

Trotz aller Abschiedsgedanken gab es einige "Wildgänse", die sich über die gesamte Saison als Leistungsträger und Stützen entpuppten. So brachte Thea Schwarz mit ihrer Aggressivität in der Deckung so manchen Gegner zur Verzweiflung, während Stephanie Jäger vor allem vorn in Erscheinung trat. Mit 146 Treffern wurde sie die siebtbeste Werferin der Liga. "Stephi ist der Wahnsinn", lobt Sachse ihre Mitspielerin. "Manche denken `Mist, ich habe dreimal verworfen`, aber sie hat einfach weitergemacht und dachte sich `ach, irgendwann klappt es schon`. Stephi und Thea waren super. Aber Josi hat uns häufig gerettet." Josephine Klauß zählte zu den besten Torhüterinnen der Liga und war stets ein sicherer Rückhalt. Sich selbst wollte Sachse indes nicht hervorheben, obwohl sie es - genau wie alle anderen Spielerinnen auch - verdient hätte.