Acht Tore Vorsprung zur Halbzeit, knapper Rückstand zwei Minuten vor dem Ende - eigentlich geht jede Mannschaft nach diesem Spielverlauf als Verlierer vom Feld. Nicht so die Handballer des HV Rot-Weiss Staßfurt. Mit unbändigem Siegeswillen und einer Kampfeslust, die nie versiegte, bewiesen sie das Gegenteil und bezwangen den LSV Ziegelheim mit 30:29 (19:11). Doch der Erfolg ist nicht nur eine schöne Momentaufnahme. Er könnte ein entscheidender Sieg auf dem Weg zum Klassenerhalt in der Mitteldeutschen Oberliga werden.

Ziegelheim/Staßfurt. Oliver Jacobi brachte das Fass in der nahezu ausverkauften Wieratalhalle in Ziegelheim schließlich zum Überlaufen. Der Kreisspieler des HV Rot-Weiss, der zuvor Ziegelheims Spielgestalter Steffen Moritz nicht von der Seite wich, nutzte einen Fehlpass der Gastgeber und vollendete den Gegenstoß zum 30:29. Die über 40 mitgereisteten Staßfurter Fans hielt es nicht mehr auf den Sitzen, doch noch waren 30 Sekunden zu spielen. Im letzten Angriff der Partie hatte der LSV die Chance zum neuerlichen Ausgleich, doch die Thüringer warfen den Ball über das Tor von Stefan Wiederhold, einem weiteren Sieggaranten. Der Keeper brachte die Staßfurter nach einem von Dramatik kaum zu überbietenden Verlauf mit drei Paraden zurück ins Spiel, nachdem diese den Halbzeitvorsprung innerhalb weniger Minuten verspielten und kurz vor dem Ende 27:29 zurück lagen. Nach dem Schlusspfiff gab es kein Halten, die ganze Last der 60 Minuten, die ganze Anspannung, der ganze Frust über das fast schon verloren geglaubte Spiel, die Freude über ein Ende ohne Schrecken - all das kulminierte in einer riesigen Traube aus Spielern, Trainern und mitgereisten Fans.

"Einige waren den Tränen nahe", fasste HV-Chef Patrick Schliwa die "unbeschreibliche Atmosphäre" zusammen. Und tatsächlich gab es nach dem Auf und Ab der Gefühle feuchte Augen, vor allem beim mitgereisten Anhang. Es waren Tränen der Freude, zum einen über den Sieg, zum anderen über das scheinbare Ende einer Leidenszeit, in der der HV Rot-Weiss zuletzt immer tiefer in den Abstiegssog hineinglitt.

Seit Reiner Baumgart das Traineramt übernommen hat, ist Staßfurt in vier Spielen ungeschlagen. Vor allem auswärts präsentierte sich die Mannschaft gefestigt. Bereits in Hermsdorf war das der Fall, sie gewann 25:24. Das Kuriose, obwohl aus diesen Partien sechs Punkte entsprangen, hat sich der Abstand zur Abstiegszone nur unwesentlich vergrößert. Staßfurt schob sich in der Tabelle zwar vom elften auf den neunten Platz, doch durch Siege der unmittelbaren Konkurrenz ist die bedrohliche Zone immer noch allgegenwärtig. Nun bewahrheiten sich Vorhersagen, die nicht nur viele Trainer vor der Saison äußerten. Die Liga ist ausgeglichener denn je, oder wie es Holger Winselmann, Trainer des HC Elbflorenz Dresden, unlängst formulierte: "Die Liga spielt verrückt."

Daher weiß Baumgart, dass dies noch nicht das Ende der Fahnenstange gewesen ist. "Wir haben eine ähnliche Konstellation wie nach dem Hermsdorf-Spiel. Wenn wir nicht nachlegen, ist der Sieg nicht viel wert", beschreibt der Trainer die aktuelle Lage. Gegner in zehn Tagen ist der HSV Naumburg/Stößen, ebenfalls ein bedrohter Kandidat und wie Glinde vor zwei Wochen gastiert er in Staßfurt, nachdem die Rot-Weissen in der Fremde erfolgreich waren. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt und nur ein Zähler auf der Habenseite steht, laufen die Vorbereitungen für die Partie auf Hochtouren. HV-Chef Schliwa hat den Ernst der Lage erkannt und baut auf die Unterstützung der Staßfurter Fans: "Wir werden uns zu diesem Spiel etwas Besonderes einfallen lassen, um möglichst viele Zuschauer in die Merkewitz-Halle zu locken." Details wollte Schliwa noch nicht verraten. Er hofft, dass Naumburg/Stößen kein Stolperstein auf dem Weg zum Klassenerhalt wird.

Übrigens kommt es dann zum Duell Vater gegen Sohn, denn Baumgarts Sohn Steffen steht im Kader des HSV.