Alexander Ernst wirkte ruhig und gelassen, als er am Sonnabend gemeinsam mit Betreuer Reinhold Jahns kurz vor 15 Uhr die Merkewitz-Halle in Staßfurt betrat. Das Gefühl vor einem Spiel ist beim Rückraumspieler des Mitteldeutschen Handball-Oberligisten HV Rot-Weiss Staßfurt immer gleich: "Ich gehe an jede Aufgabe positiv heran und denke, dass uns keiner das Wasser reichen kann." So wie auch gegen die HSG Freiberg, die als Favorit und Tabellenzweiter in die Bodestadt reiste, und in der Schlussphase einen sicher geglaubten Erfolg noch aus der Hand gab. Beide Teams trennten sich 28:28 (12:14)-Unentschieden.

Staßfurt. Dass ausgerechnet Ernst in dieser Partie zum Matchwinner - er verwandelte drei Sekunden vor dem Abpfiff einen Freiwurf sicher zum 28:28 - werden würde, das hätte er selbst nicht für möglich gehalten. "Dass es so geil wird, damit habe ich nicht gerechnet", freute er sich.

Dabei war es bisher nicht seine Saison. So warfen ihn fehlendes Training durch seine Tätigkeit als Anlagenbediener im Vier-Schicht-System im Sodawerk Staßfurt sowie eine längere Pause - er wurde am Blinddarm operiert - zurück. Die Einsatzzeiten auf dem Parkett fielen dementsprechend kurz aus. Die wenigen Anteile wurmten den ehrgeizigen Akteur. Das Selbstvertrauen litt ebenfalls, was sich dann auf dem Protokoll widerspiegelte. Statt selbst zu werfen, gab er die Verantwortung ab.

Ernst kämpfte sich zurück ins Team und sorgte am Sonnabend auf der linken Rückraumposition im ständigen Wechsel mit Sebastian Retting für sehenswerte Treffer. Als Retting in der Anfangsphase glücklos von der Siebenmeterlinie agierte, übernahm Ernst Verantwortung und war zweimal erfolgreich. Das baute ihn zusätzlich auf. Da verwunderte es auch nicht, dass trotz eines Zwei-Tore-Rückstandes zur Halbzeit die Staßfurter locker blieben. Und auch als in der zweiten Hälfte die Freiberger schon zum 17:24 enteilt waren, glaubten die Gastgeber noch an das Unmögliche. "Wir haben immer an uns geglaubt", betonte Ernst. Und auch Trainer Reiner Baumgart war sich sicher: "Wir kommen noch einmal ran." Der unbändige Wille und der enorme Kampfgeist des Gastgebers imponierte selbst Gästetrainer Joachim Breßler. Auf der anschließenden Pressekonferenz erntete Baumgart Applaus von allen Beteiligten, als er seinem Team für diese Leistung ein Kompliment aussprach.

Applaus gab es einige Minuten zuvor auch von den Zuschauern, die es in den letzten 90 Sekunden nicht mehr auf den Plätzen hielt, denn diese Partie bot nun wahrlich alles - Spiel, Spaß und Spannung.

Dafür sorgte unter anderem Ernst, der die letzte Aktion, ein Freiwurf mittig der Neun-Meter-Linie, ausführte. Sein Blick war auf den Torhüter Tino Hensel fokussiert. Er legte alles in diesen Wurf, schraubte sich mit seiner enormen Sprungkraft in die Höhe und hämmerte den Ball zum vielumjubelten Ausgleich in die Maschen. Dann stürmten seine Mitspieler auf ihn zu und Ernst war unter dem Haufen nicht mehr zu erkennen. "Das war einfach nur geil. So ein Gefühl habe ich lange nicht mehr gehabt."