Er war jung, talentiert und schrieb am 7. Juli 1985 Sportgeschichte. "Game, Set and Match Becker", hieß es um 17.26 Uhr Ortszeit. Als Tennisspieler Boris Becker auf dem Rasen des Center Courts in Wimbledon die Arme hochriss, war die Sensation perfekt. Der 17-Jährige gewann das bedeutendste Turnier der Welt und löste danach einen regelrechten Boom aus. Das fast dreistündige Finalspiel gegen den Südafrikaner Cevin Curren verfolgten mehr als elf Millionen Menschen an den Fernsehschirmen. Einer davon war Bernd Gothe aus Staßfurt. "Wir haben mitgefiebert. Zum Glück konnten wir in Staßfurt Westfernsehen gut empfangen", schmunzelt er.

Staßfurt. Gothe ist aber nicht nur Fan des "weißen Sports", wie Tennis in der Fachsprache auch bezeichnet wird, sondern der fast 70-Jährige betreibt ihn seit mehr als 50 Jahren aktiv.

Zunächst in Aschersleben, seiner Geburtsstadt. "Ich habe, bevor ich zum Tennis kam, alles mögliche ausprobiert", berichtet er. So versuchte er sich zunächst im Fußball, dann in der Leichtathletik und im Volleyball, als ihm die Bälle nur so um die Ohren flogen. Doch seine Passion hatte er bis dahin noch nicht gefunden. "Ich habe dann einfach mal Tennis ausprobiert und es hat mir gut gefallen." Er fand erst spät, Gothe war bereits 14 Jahre alt, den Weg auf den Court. Doch davon ließ er sich nicht beirren. Gern erzählt er von dieser Zeit, als die Schläger noch aus Holz, und nicht, wie später aus Aluminium und heute aus Carbon gefertig waren. "Wir hatten damals nicht so gute technische Voraussetzungen." So gab es auch noch keine Kinderschläger, sondern "wir haben die Holzschläger einfach am Griff um ein Stück verkürzt".

Trotz des späten Einstiegs blieben die Erfolge nicht aus. Gothe schaffte den Sprung in die Bezirksauswahl der Jugend des Bezirkes Halle. Selbst als er bei der Armee seinen Dienst verrichtete, griff er bei seinem neuen Verein Wissenschaft Halle zum Schläger. Als er danach in seine Heimatstadt zurückkehrte, gab es keine Mannschaft mehr, bei der er sein Hobby ausüben konnte.

Ein Leben ohne seinen geliebten Sport konnte sich Gothe nicht vorstellen. So wollte es wohl das Schicksal, dass er Anfang der 60er Jahre bei Aktivist in Staßfurt aufschlug. Georg Smolczek, er war damals Bezirkstrainer des Bezirkes Magdeburg und wohnte in Staßfurt, sprach Gothe bei einem Turnier an und lockte ihn in die Bodestadt. "Meine Oma wohnte in Hecklingen, ich bin dann in den Ferien immer mit dem Fahrrad von Hecklingen zum Training nach Staßfurt geradelt."

"Es hat auf dem Tennisplatz gefunkt."

Das Schicksal hielt noch eine weitere, eine positive Überraschung für ihn bereit. Gothe lernte seine spätere Ehefrau Regina, die ebenfalls in Staßfurt spielte, im Verein kennen und lieben. "Es hat auf dem Tennisplatz gefunkt", kann er sich noch gut an den Moment erinnern.

Für die Familie kehrte er dann sogar früher als geplant, es war 1965, aus Dresden zurück. Gothe hatte dort drei Jahre Elektrotechnik studiert und schloss es dann mittels Fernstudium erfolgreich ab. Als Elektroingenieur war er bis kurz nach der Wende bei der Firma CAS in der Projektierung in Staßfurt tätig.

Im sportlichen Bereich ergaben sich ebenfalls Veränderungen. "Im Verein wurde ein Sektionsleiter gesucht und ich wurde es dann." Gleich zu Beginn seiner Amtszeit lagen Freud und Leid sehr eng beieinander. So musste die erste Männermannschaft - sie hatte gerade den Aufstieg in die höchste Spielklasse des Bezirks geschafft - gleich wieder absteigen. Es bestand für diesen Verein die Pflicht, eine Jugendmannschaft im Punktspielbetrieb zu haben. "Das haben wir vorher gewusst", sagte Gothe. Doch ein Nachwuchsteam gab es nicht. Das sollte nicht noch einmal passieren und so war es Gothe, der sich fortan für den Nachwuchs engagierte. "Wir haben viele Kinder gehabt", berichtet er stolz. So fuhr er beispielsweise mit etwa 20 seiner Schützlinge mit dem Zug zur Spartakiade nach Schönebeck. "Das waren immer sehr schöne Fahrten. Die Eltern waren ebenfalls sehr engagiert."

Neben den zahlreichen Erfolgen auf Kreis- und Bezirks- ebene erinnert sich Gothe an einen Moment ganz besonders. Als nämlich 1988 der männliche Nachwuchs mit Sascha Richter, Steffen Waschek, Thomas Krause, Matthias Brückner und Silvio Grafenhorst den dritten Platz als Mannschaft im DDR-Maßstab belegte.

"Ich habe mich für den Job entschieden."

Die Wende brachte dann für Gothe einige Veränderungen im beruflichen und sportlichen Bereich mit sich. So startete er als 49-Jähriger bei der Elektrofirma Klöckner-Moeller richtig durch, allerdings zu Lasten seines Hobbys, das er schweren Herzens aufgeben musste. "Ich habe mich für den Job entschieden." Das Kribbeln kehrte dann nach fast zehn Jahren wieder zurück, als er sich beim Polizei-TC Aschersleben anmeldete. "Ich wollte mich eigentlich nicht mehr engagieren", betonte er. Doch Gothe wurde 2003 zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt.

Trotz seines Wechsels nach Staßfurt im vergangenen Jahr betreut er weiterhin den Nachwuchs - ein Beleg dafür, dass ihm dieser ganz besonders ans Herz gewachsen ist. So wird immer mittwochs von 16 bis 18 Uhr trainiert. Die erste Einheit im Freien absolvieren Gothe und seine fünf Schützlinge im Alter zwischen sieben und neun Jahren dann am kommenden Mittwoch. Die Arbeit mit den Kleinen bereitet ihm viel Freude, denn "ich erlebe immer etwas Neues".

"Ich war sehr überrascht."

Für sein langjähriges Engagement wurde er erst kürzlich auf dem Verbandstag des Tennisverbandes Sachsen-Anhalt in Magdeburg mit der Ehrennadel in Gold ausgezeichnet. Der Polizei-TC Aschersleben hatte ihn für diese Auszeichnung vorgeschlagen. Dabei sollte die Ehrung eigentlich eine Überraschung für ihn sein. Doch Gothe erfuhr im Vorfeld zufällig davon. Seine Kinder hatten ihm und seiner Frau zu Weihnachten für den 12. März, an dem auch der Verbandstag stattfand, Konzertkarten für das Pop-Duo Marschall & Alexander in Leipzig geschenkt. Manfred Brocke, der Vorsitzende des PTC hatte Gothe immer wieder auf diesen Tag hingewiesen, dass "er unbedingt mit nach Magdeburg kommen sollte". Gothe wollte eigentlich nicht, so dass ihm Brocke im Vorfeld von der Ehrung berichtete. Allerdings wusste Gothe nicht, dass er die Ehrennadel in Gold erhielt. "Ich war sehr überrascht und freute mich, dass die langjährige Arbeit anerkannt wurde."

Gothes Herz schlägt aber nicht nur für den "weißen Sport", sondern auch für Fußball und Handball. Immer wenn es die Zeit erlaubt, fährt er zum Bundesligisten VfL Wolfsburg. "Ich würde mich ärgern, wenn die Wolfsburger absteigen würden." Seine Frau drückt hingegen den Dortmundern die Daumen, die am Wochenende vorzeitig Deutscher Meister werden können.

Bei der Liebe zum Sport bleibt den beiden auch noch viel Zeit zum Reisen. Den Traum von Wimbledon haben sie sich allerdings noch nicht erfüllt, einen anderen, Boris Becker einmal live zu sehen, hingegen schon. Das war 1990 beim Turnier am Rothenbaum in Hamburg. "Wir haben die 100 D-Mark Begrüßungsgeld genommen und sind nach Hamburg gefahren", erinnert sich Regina Gothe.

Heute steht ihr Mann selbst auf dem Platz, wenn die Herren Ü 60 der Gaensefurther Sportbewegung um 10 Uhr auf den TC Wittenberg treffen.