Yvonne Brandecker hat vor wenigen Tagen erfolgreich an der Senioren-EM in Izmir teilgenommen. Der Wettbewerb in der Türkei ließ einige Fragen offen, darüber unterhielt sich Sportredakteur Florian Bortfeldt mit der HGL-Starterin.

Volksstimme: Frau Brandecker, laut der DLV-Verantwortlichen hieß es bezüglich der EM "Wo viel Licht, ist auch viel Schatten und den hatten wir bei dieser Veranstaltung." Was genau war damit gemeint?

Yvonne Brandecker: Licht waren die tollen Leistungen der deutschen Athleten. Ansonsten bestimmten leere Zuschauerränge die Szene. Hat überhaupt ein Türke mitbekommen, dass EM ist? Ich jedenfalls hatte kaum Werbung dafür wahrgenommen.

Auch sonst, so war zu hören, hinterließen die Bedingungen keinen guten Eindruck.

Stimmt. Im riesengroßen "antiken" Stadion stand die Hitze, es gab keinen Schatten. Ich kam mir manchmal vor wie in einer antiken Stätte. Der Tartanbelag war knochenhart, der Hindernis-Wassergraben eine Katastrophe, weil hart wie Beton und sehr steil. Hier herrschte eine hohe Verletzungsgefahr. Für die Athleten gab es keine Getränke, nur zum Kaufen. Nur, wer 5 000 oder mehr Meter lief, kam in den Genuss. Auch die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, es grassierte eine Magen-Darm-Grippe, von der ich nicht verschont blieb.

Sie haben erfolgreich abgeschnitten, holten Bronze über die 2 000 m Hindernis und Gold über 5 000 m. Wie ordnen Sie die Rennen ein?

Bei den 2 000 m blieb ich nur elf Sekunden über Saisonbestzeit, das, weil ich am Wassergraben aufgrund der angesprochenen Probleme Zeit verlor. Die auf Rang vier der Meldeliste Stehende ist im Rennen ausgestiegen, nachdem ich sie in der dritten Runde überholt hatte und sie auch noch gegen ein Hindernis gelaufen war.

Über 5 000 m waren es rund 45 Sekunden über Saisonbestzeit, was gar nicht so übel bei den Temperaturen und mit Magen-Darm-Infekt ist. Ich lag auf Rang drei der Meldeliste und hätte um Silber und Bronze mitlaufen können, nur die Erste war deutlich schneller. Genau die war aber nicht am Start, alle anderen waren in meinem Bereich und sind vorher schon 10 000 m gelaufen und die auch sehr langsam. Dieser Lauf war im kleineren Nebenstadion, daher ging mehr Wind.

Die Konkurrenz schien also nicht sehr groß zu sein?

Stimmt, zum Vergleich: Bei der WM im März in Budapest waren 5 000 Teilnehmer, 500 aus Deutschland dabei. Jetzt nicht mal die Hälfte, viele hat die Hitze in der Türkei abgeschreckt. Wege gesundheitlicher Probleme sind eben viele auch ausgestiegen oder haben vor dem Start abgesagt, denn die Gemeldeten waren alle vor Ort. Dazu kommt die Kostenfrage: Die Senioren (Startrecht ab 35. Lebensjahr/d.Red.) müssen alles aus eigener Tasche zahlen, da zahlt kein Landesverband.

Wie haben Sie das finanzieren können?

Wir können uns das als Familie auch nicht immer leisten. Nächstes Jahr die WM in Frankreich und die WM 2016 in Südkorea - beide sind viel zu teuer. Diesmal haben wir es mit unserem Jahresurlaub verbunden und extra für die Kinder ein Hotel ausgesucht, da in Izmir nichts dergleichen ist.

Nochmal zurück zur offenbar fehlenden Konkurrenz: Schmälert es den Erfolg?

Ich weiß sehr wohl, dass ich viel Glück, zumindest bei den 5 000 m, hatte - die Schnellste war nicht am Start, die Zweitschnellste ist ausgestiegen. Aber Glück gehört beim Sport eben auch dazu, ich hatte im Vorfeld zwei Medaillenchancen - die habe ich genutzt. Was kann ein Sportler dafür, wenn sich das Starterfeld so stark dezimiert, hätte ich deshalb auf einen Start verzichten sollen oder auch aussteigen?

Wie ordnen Sie letztlich beide Medaillen für sich ein?

Die Hindernismedaille ordne ich höher ein, das war meine Hauptstrecke, auf die habe ich mich konzentriert, da habe ich die Medaille 2012 verpasst. Mein Mann hatte mir damals versprochen, mit mir nach Izmir zu fahren (lacht). Hier waren die Favoritinnen von 2012 auch wieder am Start. Die 5 000 m waren nur noch Zugabe. Nachdem es mir so dreckig ging, wollte ich einfach nur noch irgendwie ins Ziel kommen. Jeder, der bei diesen fast unzumutbaren Bedingungen überhaupt an den Start gegangen ist und durchgehalten hat, ist ein Held. Die Medaillen sind mein größter sportlicher Erfolg. Im März gab es zwar die erste internationale Medaille bei der WM, allerdings mit der Mannschaft. Für mich ist es außerdem ein Jubiläumsjahr: Ich habe im Alter von sieben Jahren mit diesem Sport angefangen, bin also jetzt im 30. Jahr.