Beim TSV Rot-Weiß Zerbst zählt die Abteilung Turnen/Gymnastik zirka 130 Mitglieder, Tendenz steigend. Die beiden Gymnastikgruppen der Abteilung fassen fast konstant über die Jahre zusammen 70 Frauen. Jeden Dienstag treffen sich in der Turnhalle an der Zerbster Fuhrstraße zirka 40 Frauen, in der Turnhalle am Zerbster Amtsmühlenweg turnen jeden Mittwoch zirka 30. Männer sind Fehlanzeige.

Zerbst. "Beide Gruppen sind sehr rege. Betreiben ein sehr aktives Vereinsleben. Leider hat jetzt die Übungsleiterin der Gruppe aus der Fuhrstraße aufgehört. Wir suchen eine schnellstmögliche Lösung. Auf alle Fälle wird die Gruppe weiter bestehen. Wir stehen in Gesprächen, um eine Lösung zu finden", äußerte sich vor kurzem TSV-Präsident Wolfgang König.

29 Frauen im Alter von 55 bis 88 Jahren

Dagegen ist die Übungsleitertätigkeit bei den Gymnastik-Frauen aus der Turnhalle am Amtsmühlenweg kein Thema. Diese Frauengruppe zählt nach Angaben der beiden Übungsleiterinnen, Christine Kalina und Gisela Graßmé, 29 Frauen im Alter von 55 bis 88 Jahren.

Die Älteste ist die 88-jährige Gitta May. "Nur wenn es viel schneit und Glatteis ist, gehe ich nicht aus dem Haus. Sonst bin ich immer dabei", meinte das älteste TSV-Mitglied dieser Gruppe.

1963 trafen sich auf Initiative des DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands) erstmals Frauen, um gemeinsam Sport zu treiben. Heimstatt wurde die damals neu erbaute Turnhalle der vierten Oberschule am Zerbster Amtsmühlenweg. Martha Rühlicke wurde erste Leiterin und sprach immer wieder Frauen an, den Sportabend zu besuchen. Bei der damaligen BSG Einheit/Empor Zerbst waren die Frauen organisiert, sind seitdem diesem Zerbster Sportverein, heute TSV Rot-Weiß Zerbst, treu geblieben.

Die Turnhalle der heutigen Grundschule "Astrid-Lindgren" war und ist immer noch das sportliche Wohnzimmer der Frauen. Nur als sie abgebrannt war, mussten sie für zwei Jahre in die Turnhalle der "Johannes-R.-Becher-Oberschule" ausweichen.

Christine Kalina ist seit 1979 Übungsleiterin mit Lizenz, eine, die es versteht, die Frauen in jeder Übungsstunde an Disziplin und Ernsthaftigkeit he-ran zu führen. Besucht man einen Übungsabend, so fällt auf, wie sich alle sehr intensiv am Anfang warm machen, sich so auf die Übungen vorbereiten.

Die vorgegebenen Übungen werden sehr gewissenhaft mitgeturnt. Auch ein Schwätzchen da und ein kleiner Flachs hier. Man spürt, dass sich alle gut kennen, ihnen es viel Spaß macht.

Seit der Wende besitzt Gisela Graßmé ebenfalls die Übungsleiter-Lizenz, springt ein, wenn sie gebraucht wird. Dabei wollen sich beide so gar nicht in den Mittelpunkt stellen, sich hervortun. Beide weisen in den Gesprächen immer wieder auf andere Frauen hin, loben ihre Einstellung, ihre Aktivitäten.

Alle noch enger zusammen gerückt

Als es nach der Wende hieß, die Gruppe zu erhalten, weiter zu machen, sind alle noch "enger zusammen gerückt", hat man vor allem das Vereinsleben aktiviert. Heute gehört es schon zur Tradition, einmal jährlich "auf Tour zu gehen", wie beim 45-jährigen Jubiläum mit dem Bus nach Leipzig.

Runde Geburtstage werden mit einem kleinen Präsent und einem persönlichen Besuch gewürdigt. Die Weihnachtsfeiern, die Radtouren im Sommer, früher das gemeinsame Ablegen des Sportabzeichens, sind weitere Aktivitäten.

"Erwähnen möchten wir auch, dass unser Ehrenmitglied Else Heinrich ein ganz aktives Gruppenmitglied war. Sie hat bis zum 85. Lebensjahr mitgeturnt. Mit 83/84 hat sie noch regelmäßig Liegestütze gemacht. Wir besuchen sie ständig. Der Kontakt ist nie abgerissen", ruft Christine Kalina aus der gebildeten Kreis- formation zu.

Sie gibt die Übungen vor, strengt sich mächtig an, um alles korrekt zu machen. Die Frauen folgen ihr. Die Frage nach Verletzungen wird verneint. "In tiefster DDR-Zeit ist mal eine über den Medizinball gestolpert. Sonst nichts. Wir spüren als Schmerz höchstens den Muskelkater", meint Gisela Graßmé.

Für den Betrachter kein Wunder, so wie sich an diesem Abend die 25 Frauen ins Zeug legen. Nach anderthalb Stunden ist Schluss. Der bleibende Eindruck: Von Abnutzung und Interessenlosigkeit ist bei den Frauen nichts zu spüren.

Zum Schluss wollten alle Frauen noch Dank sagen, der Stadt Zerbst und der Schulleitung für die jahrelange Unterstützung bei der Bereitstellung der Sporthalle sowie dem TSV-Vorstand für die Aufmerksamkeit, die der Gruppe geschenkt wird.

"Warum sollen wir den Verein verlassen. Wir fühlen uns beim TSV sehr gut aufgehoben", meinten beide Übungsleiterinnen übereinstimmend. Und das seit 1963, alle Achtung.