Die deutsche Kegel-Nationalmannschaft der Herren mit fünf Zerbstern vom SKV Rot-Weiß kehrte mit der Silbermedaille von der VI. Weltmeisterschaft heim. Mit so einem riesigen Erfolg hätte keiner zuvor gerechnet.

Speichersdorf l Bereits der Viertelfinalerfolg am vergangenen Freitag - Deutschland besiegte Rumänien 6:2 (Volksstimme berichtete) - wurde gefeiert, denn die Bronzemedaille war da schon sicher. Aber was dann am Samstag beim Halbfinale "abging", ist schwer zu beschreiben.

Um ins Finale einzuziehen, musste der amtierende Weltmeister Ungarn aus dem Weg geräumt werden. Eine Mammutaufgabe für die Jungs um Nationaltrainer Oliver Scholler. Doch der ehemalige Zerbster war wie immer ruhig und gelassen: "Wie ich immer gesagt habe. Wenn wir unsere Leistung bringen, können wir auch Ungarn schlagen."

"Wir haben Silber sicher. Das ist viel mehr, als wir uns erträumt hatten. Alles, was jetzt noch kommt, ist eine Zugabe und wir werden sie genießen."

Torsten Reiser.

Gesagt, getan... Doch zunächst war es der erwartete Fight auf Augenhöhe. Torsten Reiser fand nicht ins Spiel und hatte gegen den langen Levente Kakuk (681) nie eine Chance. Er wurde nach 67 Wurf gegen Axel Schondelmaier ausgewechselt. Beide kamen noch auf 598 Kegel, doch alle vier Satzpunkte (SP) und der Mannschaftspunkt (MP) gingen an Ungarn.

Dafür glänzte Mathias Weber mit konstant gutem Spiel. Er ließ dem Duo Zsombor Zapletan/Balasz Rudolf (587) mit 3:1 SP und 646 Kegeln keine Chance und hielt Deutschland im Spiel.

Der zweite Durchgang ging mit einem Minus von 24 Kegeln auf die Bahnen. Youngster Timo Hehl (1:3, 636) spielte sehr gut und ließ Weltrekordhalter Tamas Kiss (659) nicht soweit enteilen. Sein Teamkollege Fabian Seitz kämpfte stark und rang Attila Nemes im Schlussspurt nach 2:2 SP mit einem mehr erspielten Kegel (636:635) nieder.

Es stand 2:2 nach MP und der Rückstand der Deutschen betrug 46 Kegel. Das starke Schlussduo mit Timo Hoffmann (644) und Thomas Schneider sorgte sensationell für die Wende. Hoffmann konnte dem starken Norbert Kiss (669) nur den ersten Satz (178:171) abnehmen.

Was der coole "Tommy" Schneider, der mit 691 Kegeln eine neue persönliche Bestleistung auf die Bahn zauberte, zeigte, war grandios. Er rang das Duo Laszlo Karsai/Claudiu Boanta (627) nieder und mit dem letzten Wurf holte er für die Deutschen die verlorenen Holz zurück und brachte den Sieg mit gerade einmal drei Kegeln (3851:3848) nach Hause.

Die Kegelhalle stand Kopf, die Fans tobten, die Mannschaft jubelte, denn sie hatte die Silbermedaille sicher. Es war grandios. Nur einer blieb wieder ganz still und lächelte, Oliver Scholler: "Haben wir als Zerbster schon einmal gegen Ungarn verloren? Also ich war mir sicher, dass wir das schaffen", sagte er.

Schneider überragend

"Wir haben Silber sicher. Das ist viel mehr, als wir uns erträumt hatten. Alles, was jetzt noch kommt, ist eine Zugabe und wir werden sie genießen", freute sich Torsten Reiser.

Da Serbien im zweiten Halbfinale die Österreicher knapp 5:3 besiegte, wurde das Finale um 16 Uhr zwischen Serbien und Deutschland ausgetragen. Dabei schrammte der Serbe Vilmos Zavarko mit 721 Kegeln nur knapp am Weltrekord (734) vorbei.

Die Deutschen hatten die etwas längere Pause. Sollte sich dies vielleicht als kleiner Vorteil erweisen?

Weber (617), der die ganze WM über stark agierte, zeigte Nerven und so zog Ernjesi (638) beim 2:2 an ihm vorbei. Doch Schondelmaier (640) spielte konstant gut und holte gegen Baranj (634) nach 2:2 SP den MP für Deutschland. Ungarn führte mit 15 Kegeln. Alles war eng.

Das sonst so gute Mittelpaar Seitz (626) und Hehl (618) konnte dieses Mal den Turbo nicht zünden und verlor beide MP an Milos Simijonovic (658) bzw. Igor Kovacic (651). Ungarn führte 3:1 und hatte auch 80Kegel Vorsprung. In der Halle wurde es zunehmend ruhiger, denn so richtig glaubte keiner mehr an eine Sensation.

Schneider (676) spielte erneut super stark. Er rang das Duo Goran Ostojic/Daniel Tepsa (616) nieder und holte 60 Holz zurück. Hoffmann (671), der Zavarko (705) im Vorrundenspiel den Zahn zog, hatte dieses Mal mit 1:3 SP das Nachsehen. Seine letzte Bahn war dennoch sensationell. Er kam auf 195 Kegel, doch da war die Partie längst entschieden, die Zuschauer app- laudierten und sangen trotz der Niederlage "Oh wie ist das schön...". Gänsehaut pur, vor allem für die Spieler.

Am Ende waren die Serben einfach einen Tick besser und wurden mit 6:2 (3902:3848) verdienter Weltmeister. Die Deutschen gratulierten fair. Hoffmann und Zavarko fielen sich um den Hals und tauschten die Trikots. Was für tolle Momente durften die Fans und Zuschauer erleben. Eine WM, die alles bereithielt, von sportlichen Höchstleistungen bis hin zu sportlich fairen Gesten. Von tosendem Beifall über Jubelgesänge bis zu einer einfach klasse Stimmung, die immer wieder Gänsehaut erzeugte.

Bei der emotionalen Siegerehrung, wo auch die deutschen Damen mit der Silbermedaille geehrt wurden, dankte NBC-Präsident Siegfried Schweikardt vor allem dem Veranstalter vom SKC Speichersdorf für die gelungene Meisterschaft. Alles hatte gepasst, alles hatte geklappt und die Speichersdorfer waren ein sehr guter Gastgeber.

Mit "Deutschland hat die geilsten Fans der Welt..." und dem gemeinsamen Singen der deutschen Nationalhymne klang dieses großartige Event aus. In zwei Jahren wird es erneut eine Heim-WM geben. Diese findet in Dettenheim statt. Hoffentlich sind dann auch wieder Zerbster Kegler mit dabei. Eines steht aber schon fest: So ein Erlebnis nochmals zu toppen, scheint fast unmöglich.

   

Bilder