Während in Trüben bei einem Horsemanship-Kurs mit Trainerein Andrea Rongelraths-Ganzer eher die schöngeistigen Seiten des Westernreitens trainiert wurden, ließen vier Reiterinnen und Reiter vom "Silent Corner" im wahrsten Sinne des Wortes die Kuh fliegen. Sie fuhren ins niedersächsische Suhlendorf bei Uelzen zum Cuttingkurs.

Suhlendorf. Cutting (engl. Cut = trennen) ist ein Teil der Rinderarbeit, bei welcher ein Rind aus der Herde separiert und auf einer Linie mindestens zwei Minuten lang von der Herde getrennt werden muss. Dabei kann es zum Teil heiß hergehen, denn ab einem gewissen Moment übernimmt das Pferd die Kontrolle über das Geschehen. Dann heißt es Festhalten.

Die Pferderasse der Teilnehmer, das Quarterhorse, ist für diese Arbeit geradezu prädes- tiniert, da es über den sogenannten Cowsense verfügt. Der Cowsense ist ein angeborener Hütesinn, vergleichbar mit dem Verhalten eines Schäferhundes bei Schafen, wobei das Pferd auf die Bewegungen des Rindes selbstständig reagiert. Diesen Cowsense zu wecken und zu trainieren, war Ziel dieses Kurses.

Am Anfang war erst einmal Trockenarbeit angesagt, sprich die Wendigkeit der Pferde wurde mit einigen Übungen verfeinert und Trainer Christoph Schieffler erklärte den Teilnehmern Ablauf und Bewertung eines Cuts. Dann war es endlich soweit, die Rinder wurden auf den Platz gebracht. Während Nadja Köhler und Josephin Lachmann im Oktober beim Landesjugendcamp schon einmal mit Rindern arbeiten konnten, waren Claudia Bruchmüller und Sven Lachmann etwas angespannter, denn keiner konnte voraussagen, wie sich ihre Pferde, die bis dahin Rinder eher aus der Ferne gesehen haben, verhielten.

Die Pferde waren aber eher neugierig, schauten aufmerksam und setzten sich in Richtung Herde in Bewegung. Die Kontaktaufnahme war also geglückt, man konnte endlich arbeiten. Unter Leitung des Trainers holte sich nacheinander jeder ein Rind aus der Herde und versuchte dieses zu halten, was anfänglich nicht leicht war, da die Pferde ihren Job erst einmal verstehen mussten. So kamen einige Reaktionen oder Drehungen zu langsam und das Rind war weg.

Am Ende des ersten Tages waren aber die Grundlagen erlernt und man schaute mit Zuversicht auf den zweiten Kurstag. Und gerade bei den Pferden merkte man, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht hatten. Die Reaktionen kamen gleich von Beginn an schnell und heftig, so dass allen schnell klar wurde, wozu das Horn vorn am Westernsattel dient, nämlich zum Festhalten.

Josephins Wallach "Jac Andaure", der von der Vererbung her schon einiges mit in die Wiege gelegt bekam, arbeitet derart schnell, dass Josephin ihre Mühe hatte, im Sattel zu bleiben. Ein Rind durchlassen kam für ihn nicht in Frage, jede Bewegung wurde wargenommen und die Reaktion folgte unverzüglich. Schnelle seitliche Sprünge, harte Stops und kraftvolle abrupte Wendungen kamen in rasanter Folge und meist ohne Kommandos seiner Reiterin. Egal, wo das Rind hin wollte, "Jac" war schneller. Von diesem Talent war sogar der Trainer beeindruckt, da es nicht sehr viele Pferde gibt, die einen derart ausgeprägten Cowsense besitzen.

Sven Lachmann hatte mit seiner Stute "Royal Fancy Step", deren Vorfahren bei der Rinderarbeit und auf der Rennbahn erfolgreich waren, eine ähnlich brisante Mischung. Zwar waren ihre Reaktionen auf die schnellen Richtungswechsel der Rinder nicht so heftig, hatte das Rind jedoch eine Richtung eingeschlagen, dann reagierte sie mit einem schnellen Antritt und blockte das Rind auf der langen Geraden.

Das jüngste Teilnehmerduo, die erst zwölfjährige Nadja Köhler mit ihrem fünfjährigen Wallach "Blue Eyed CD", ging von Anfang an eher ruhiger an die Arbeit, da für Nadja die Reaktionen ihres noch jungen und, im Gegensatz zu den anderen unerfahrenen Pferd, noch nicht abschätzbar waren. Im Laufe des Kurses merkte man doch, dass sich zwischen den Beiden bereits ein solides Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte und das Pferd aufmerksam auf die Kommandos seiner Reiterin wartete, um dann sicher in die Herde zu gehen.

Einen großen Lernerfolg hatte auch Claudia Bruchmüller bzw. ihre Stute "Royal Katy Sue". Ihre Arbeit am Rind war zum Schluss mit eine der saubersten, wenngleich auch eine der harmonischsten. Ruhige, aber gezielte Bewegungen waren bestimmend, ohne dass es dabei an Rasanz fehlte. Sicher ein Grund, warum Trainer Schieffler zum Vorzeigen meist auf Claudias Pferd saß.

Das Wochenende brachteallen Beteiligten viel Lehrreiches, denn nicht nur die Menschen erlernten die eigentliche Basis des Westernreitens, auch die Pferde hatten mal die Möglichkeit, zu erfahren, wozu sie eigentlich die schnellen Drehungen, Stops und Rollbacks, die sie im täglichen Training beigebracht bekommen, benötigen.