Olympiasieger wie Michael Phelps und Usain Bolt werden wie neue Heilande des modernen Hochleistungssports gefeiert. Doch wer kennt Nader al Masri und Dana Hussein?

Der eine lebt in einem Flüchtlingslager in Palästina, die andere versucht, ihren Sport in den Nachkriegswirren von Bagdad auszuüben. In Peking starten, mehr durch ein Wunder, beide. Notiz genommen hat von ihnen kaum einer.

Al Masri kommt aus dem Lager Beit Hanoun im Gaza-Streifen. Hier fliegen zwischen Hamas und Israelis oft die Kugeln. Der Widerhall von explodierenden Bomben und Maschinengewehrfeuer gehörte zu den ständigen Trainingsbegleitern. "Lauf, Nader", riefen die Schulkinder, wenn sie ihn sahen. "Lauf."

Als Olympia nahte, verweigerten die israelischen Behörden dem 28-jährigen Leichtathleten zunächst die Ausreise. Erst als ein Beitrag in einer israelischen Zeitung erschien, durfte er zur Vorbereitung nach Jericho reisen, um sich seinen olympischen Traum zu erfüllen.

Doch da gab es noch eine Hürde : Die Bestzeit des 5000-Meter-Läufers lag etwa eine Minute über der Oualifi kationsmarke für Peking. Nur dank eines Sonderstartrechts, das das Internationale Olympische Komitee (IOC) insgesamt 90 Athleten aus aller Welt gewährt, ist er jetzt, zusammen mit drei anderen palästinensischen Sportlern, in Peking dabei. Den letzten Monat vor Olympia hat er sich in einem chinesischen Trainingscamp vorbereitet.

Nicht viel anders als al Masri erging es Dana Hussein. "Als die schlimmsten Auseinandersetzungen in Bagdad tobten", erinnert sich ihr Trainer Yousif Abdul Rahman, "hat einmal ein Scharfschütze mehrfach beim Training gezielt auf Dana gefeuert. Sie entging dem Tod nur, weil sie sich geistesgegenwärtig hinter einen Baum warf". Sein Schützling, einzige Frau im elfköpfigen irakischen Team, und er hätten den Tod jederzeit mit einkalkuliert.

Doch die 21-jährige Sprinterin lebte ihren Olympiatraum weiter. Auch wenn sie wusste, dass sie auf den olympischen Bahnen keinerlei Chance haben würde. So kam es denn auch: Trotz persönlicher Bestleistung von 12,36 Sekunden über 100 Meter schied sie im Vorlauf aus.

"Sport kann die Menschen vereinen" sagt sie dennoch, "ob Sunniten oder Schiiten."

Nachdem die allerschlimmsten Auswirkungen des Irak-Krieges beseitigt waren, hatte Dana Hussein, die im olympischen Informationssystem eigentümlicherweise unter dem Namen Abdulrazak geführt wird, inständig gehofft, dass für sie nunmehr der Weg nach Peking frei sei. Doch dann suspendierte das IOC zwischenzeitlich das NOK Iraks (wegen Einmischung der Regierung in Sachen des Sports). Trainer Rahman versuchte, seinen Schützling zu trösten: "Dann versuchst du es eben 2012 in London."

Dana Hussein reagierte empört: "Wer sagt mir denn, dass ich dann überhaupt noch am Leben bin?"