Mauern müssen irgendetwas Faszinierendes haben. Das können die Chinesen derzeit sicher bestätigen. Man hat den Eindruck, dass es (fast) jeden der etwa eine halbe Million Olympiagäste an die Große Mauer zieht.

Mit ein paar Journalisten war ich gestern für vier Stunden draußen in Badaling, 60 Kilometer nordwestlich von Peking. Das ist so eine Art Vorzeige-Mauer dort. Mit Hotels, Restaurants, Geschäften. Sogar eine Seilbahn fährt hoch.

Hierher, in fast 900 Meter Höhe, wo sich die Mauer malerisch durch die Bergwelt windet, führen die Chinesen ihre Gäste gern. Über 40 Staatsoberhäupter sollen schon dagewesen sein, sagt unsere Führerin. Von der gegenüberliegenden Bergkette prangt - Hollywood lässt schön grüßen - in Riesen-Lettern das Olympiamotto "One World One Dream".

Der über 6000 Kilometer lange Wall, der einst vor äußeren Feinden schützen sollte, wird von der Volksrepublik heute als eine Art "nationales Symbo " gepriesen, und zwar was das Zeug hält. Der Satz "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" findet sich jedenfalls in keiner offiziellen Schrift. Auch von Mauerspechten ist weit und breit nichts zu hören.

Aber China wäre eben nicht China, wenn nicht selbst auf dem nationalen Bauwerk Überwachungskameras jeden Schritt registrieren würden. Meinen Kollegen von der "Märkischen Oderzeitung" stört das wenig. Er hat an seinem Laptop eine Kamera installiert und "dreht" einen kurzen Videoclip für den Online-Auftritt seines Blattes. Weiter hinten malt ein chinesischer Künstler mit schwarzer Tusche. Motiv, natürlich die Mauer. Einzigartig sein Zeichengerät. Er nutzt ausschließlich den Knöchel des kleinen Fingers seiner rechten Hand.

"Von der Mauer kommt ihr Ostdeutschen einfach nicht los", ätzt ein Westkollege, als er uns so rumkraxeln sieht. "Da habt ihr so eure Erfahrungen, nicht wahr?"

Was antwortet man da, um den mühevoll geschaffenen deutsch-deutschen Honeymoon nicht gleich wieder zu zerstören? Mir fiel nichts Besseres ein als: "Aber die hier, hinter den sieben Bergen, die ist viel, viel schöner."