Krasnaja Poljana - Ende gut, aber längst nicht alles gut: Schon kurz nach dem Silber-Coup der Männer-Staffel im letzten Biathlon-Rennen in den Bergen über Sotschi blickten die Skijäger mit Bangen in die Zukunft.

So leicht lässt sich die Doping-Affäre um Evi Sachenbacher-Stehle nicht abschütteln. "Das Größte wird der Imageschaden sein. Auch wenn wir Männer nicht direkt betroffen sind, färbt es auf uns ab in der öffentlichen Wahrnehmung", befürchtete Arnd Peiffer. "Für die Sponsoren ist es tragisch. Da ist ein Schatten über dem ganzen Biathlonsport. Ich hoffe, dass er sich durch Aufklärung verziehen wird."

Hand in Hand, glücklich und erleichtert, sprang er mit Erik Lesser, Daniel Böhm und Schlussläufer Simon Schempp aufs Podest. Als das Quartett voller Stolz das Staffel-Silber präsentierte, war die Welt bei den deutschen Biathleten zumindest für einen Moment wieder in Ordnung. Doch die Causa Sachenbacher-Stehle holte die Skijäger schnell wieder ein. "Die Stimmung war wie auf einer Beerdigung", sagte Peiffer über den Tag vor dem Rennen.

Der ehemalige Sprintweltmeister machte sich zum Sprecher des Silber-Quartetts, als auf der Pressekonferenz das Thema zur Sprache kam. "Das war die beste Antwort, die wir geben konnten. Einfach mit einem tollen Rennen, einer tollen Schießleistung für unseren Sport werben. Wenn wir jetzt noch ein schlechtes Rennen abgeliefert hätten, hätte es geheißen: Doping-Skandal und sportlich läuft auch nichts mehr. Das wäre die Doppel-Katastrophe."

Schempp musste im Schlussspurt den Russen Anton Schipulin ziehen lassen und gab dadurch das mögliche Gold aus der Hand. Vorwürfe hörte er keine. Die Freude über das gewonnene Silber überstrahlte alles. "Die Erleichterung ist sehr, sehr groß. Wir wussten, dass es die letzte Chance ist. Wir haben zwei Nachlader gebraucht bei achtmal Schießen. Es hätte genauso gut mit Blech ausgehen können", sagte Schempp. Nach dem Biathlon-Krimi im Hexenkessel der Laura-Arena lobte er sich und seine Kollegen: "Es war einfach sensationell, wie wir mit dem Druck umgegangen sind."

Während die Männer vier Jahre nach der Medaillen-Nullnummer bei den Vancouver-Spielen neben der prestigeträchtigen Staffel auch im Einzel über 20 Kilometer durch Lesser noch Silber gewannen, gingen die Frauen erstmals in der Olympia-Geschichte leer aus. Der am häufigsten gehörte Satz in Krasnaja Poljana war: "Das haben wir uns ganz anders vorgestellt."

Mit Andrea Henkel wird die Letzte aus der goldenen Generation um Magdalena Neuner und Kati Wilhelm am Ende des Winters abtreten. "Ich hätte ihr gewünscht, dass sie mit einem anderen Ergebnis ihre beispiellose Karriere beenden kann", sagte Cheftrainer Uwe Müssiggang. Der Medaillenschmied wird nach der Saison in eine andere Position im Skiverband wechseln. "Der Rücktritt hat nichts mit den schlechten Ergebnissen hier zu tun. Mit 62 Jahren hat man nach der langen Zeit das Recht zu sagen, jetzt reicht es", sagte Müssiggang.

Die Hoffnungen bei den Damen ruhen nun auf der bei Olympia verletzt fehlenden Miriam Gössner und den Juniorinnen Laura Dahlmeier und Franziska Preuß. "Den Jungen hätte ich einen besseren Einstand in die Szene gewünscht, weil es in nächster Zeit nicht ganz einfach wird im deutschen Frauen-Biathlon. Da geht uns schon ein bisschen die Luft aus. Wir werden zwei, drei Jahre brauchen, um wieder eine starke Mannschaft zu formieren", prophezeite Müssiggang.

Dass ein Neuaufbau funktionieren kann, hat das Männerteam gezeigt. Mark Kirchner und Fritz Fischer haben eine junge, ausgeglichen besetzte Mannschaft geformt, für die in vier Jahren in Pyeonchang endgültig die alte Devise deutscher Skijäger gelten könnte: Einer kommt immer durch und auf\'s Podest.

In Sotschi kamen die Biathlon-Könige aus Norwegen, Frankreich und bei den Damen aus Weißrussland. Darja Domratschwea, gecoacht vom Deutschen Klaus Siebert, holte gleich dreimal Gold. Martin Fourcade jubelte über zweimal Gold und einmal Silber - und sorgte für Trost bei den Deutschen: "Er hat beim Abendessen gesagt: Ich glaube, dass ihr sauber seid. Das war eine faire Geste", erzählte Peiffer.

Fourcades großer Herausforderer Emil Hegle Svendsen erlebte zum Abschluss mit der norwegischen Männer-Staffel dagegen ein Debakel. Beim letzten Schießen musste der Massenstart-Olympiasieger in die Strafrunde, das mögliche Gold war futsch. "So etwas kann auch dem Besten passieren", sagte Ole Einar Björndalen - auch wenn der bei Winterspielen erfolgreichste Sportler der Geschichte sein neuntes Gold deshalb nicht in Empfang nehmen konnte.