Sotschi - Enger geht es kaum noch. In der knappsten Eisschnelllauf-Entscheidung der Olympia-Geschichte haben über 1500 Meter drei Tausendstel-Sekunden den Ausschlag gegeben.

Feuerwehrmann Zbigniew Brodka war der jubelnde Sieger und holte das erste Eisschnelllauf-Gold für Polen, Koen Verweij verzog die Miene. Für beide waren die Uhren zunächst bei 1:45,00 Minuten stehen geblieben. Gebannt blickten die Skater auf die Anzeigetafel, die nach Anrechnung der Tausendstel den Polen um 0,003 Sekunden oder umgerechnet vier Zentimeter im Vorteil sah.

Als in der Adler-Arena von Sotschi die 2 hinter seinem Namen erschien, brüllte Verweij lauthals "Scheiße" und warf deprimiert seine blonde Mähne in den Nacken. Dass er die 100. Medaille für die Niederlande bei Winterspielen erkämpft hatte, konnte er nicht genießen. "Ein ätzendes Gefühl. Einen Moment fühlst Du Dich als Sieger, und dann ist da ein schwarzes Loch. Ich bin der erste Verlierer", fluchte der sonst so lustige Verweij über die Tausendstel-Regelung. "Ich glaube, die Mehrheit der Sportler hätte kein Problem gehabt, wenn beide auf Platz eins gesetzt worden wären", sagte der deutsche Teamchef Helge Jasch.

Enge Entscheidungen sind bei Olympia seit eh und je auf der Tagesordnung, die unterschiedliche Handhabung von Hundertsteln oder gar Tausendsteln in den Sportarten ist für Zuschauer kaum nachvollziehbar. Erst am Mittwoch ließen sich nach der Damen-Abfahrt Tina Maze aus Slowenien und die Schweizerin Dominique Gisin bei Hundertstel-Gleichheit gemeinsam für Platz eins feiern. "Wir messen auch die Tausendstel, aber es ist verboten, sie zu veröffentlichen. Wir halten uns an die Regel", erklärte Daniel Baumat, Vizepräsident von Swiss Timing der "New York Times".

Sein bislang größtes Kuriosum erlebte der Eisschnelllauf 1968 in Grenoble, als über 500 Meter Silberplaketten an drei US-Amerikanerinnen vergeben wurden. Mary Myers, Dianne Holum und Jennifer Fish waren jeweils 46,3 Sekunden gesprintet. Hundertstel wurden damals nicht gestoppt, doch nach dieser in der Olympia-Geschichte einmaligen Entscheidung wurden sie eingeführt.

24 Jahre später wurde es wieder extrem eng. Der Berliner Olaf Zinke entschied das 1000-Meter-Rennen mit einer Hundertstel vor Kim Yoon-Man aus Südkorea für sich. Vier Hundertstel Vorsprung reichten Claudia Pechstein gegen Gunda Niemann 1998 zum 5000-Meter-Sieg in Nagano. Vor vier Jahren holten die deutschen Damen in Richmond das Team-Gold mit dem Wimpernschlagvorsprung von 0,02 Sekunden vor Japan ab. Danach wurde durch den Weltverband ISU die Tausendstel-Einführung beschlossen. Seine Olympia-Premiere feierte diese Art des Entscheids im Herren-Sprint über 500 Meter, bei dem Jan Smeekens 0,012 Sekunden hinter Oranje-Landsmann Michel Mulder eingestuft wurde.

Wie im Eisschnelllauf, so entscheiden auch bei den Rodlern die Tausendstel, seit 1972 in Sapporo der Thüringer Doppelsitzer von Horst Hörnlein/Reinhard Bredow sowie Paul Hildgartner/Walter Plaikner aus Italien ihre Rennen auf die Hundertstel zeitgleich beendeten und beide Teams mit Gold geehrt wurden. Zur bisher knappsten olympischen Entscheidung kam es 1998, als die Oberhoferin Silke Kraushaar in Nagano mit der Winzigkeit von zwei Tausendstelsekunden vor Teamgefährtin Barbara Niedernhuber Gold eroberte.

Noch besser ist älteren Wintersportfans der unglückliche Kampf des Juha Mieto in Erinnerung. Im dramatischsten Skilanglauf der Olympia-Geschichte unterlag der Finne 1980 in Lake Placid über 15 Kilometer dem Schweden Thomas Wassberg um eine Hundertstelsekunde. Wassberg forderte danach die Teilung des ersten Platzes. Das IOC lehnte sein Ansinnen den Regeln gemäß ab, aber nach dem Rennen wurde die Zeitmessung im Skilanglauf wieder auf Zehntelsekunden beschränkt.

Eine ähnlich bittere Pille wie Mieto hatten die Deutschen Horst Floth und Pepi Bader bei den olympischen Bob-Rennen 1968 in L\'Alpe d\'Huez schlucken müssen. Nach vier Läufen lagen sie gleichauf mit dem neunfachen Weltmeister Eugenio Monti und seinem Bremser Luciano De Paolis. Doch nur die Italiener erhielten Gold. Das Reglement des Verbandes FIBT schrieb damals vor, dass bei Zeitgleichheit die beste Laufzeit maßgebend war: Diese hatten Monti/De Paolis im letzten Lauf erzielt. 1998 war dieses Regelwerk längst wieder überholt: An die Zweier-Piloten Pierre Lueders aus Kanada und Günther Huber aus Italien wurden bei Hundertstel-Gleichheit zwei Olympiasiege verteilt.