Sotschi - Claudia Pechstein will vor ihrer persönlichen Abrechnung noch etwas Abstand gewinnen, Christian Breuer fordert nach dem Olympia-Fiasko ein rigoroses Umdenken im deutschen Eisschnelllauf.

"Der Verband weiß gar nicht, welche Flächenbrände er zuerst austreten muss", sagte der Athletensprecher des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) der Nachrichtenagentur dpa. "Ich kann keine Entwicklung erkennen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn sich ehemalige Aktive wünschen, dass ein Verband erfolglos ist. Nur, damit sich endlich etwas ändert", meinte der frühere Olympia-Teilnehmer.

Pechstein vermied kurz vor ihrem 42. Geburtstag drastische Worte. Beim Weltcup in Berlin hatte sie die Überalterung der Trainerriege und die mangelnde Leistungsbereitschaft des Nachwuchse gerügt. "Mit einigem Abstand werde ich mich grundsätzlich äußern", sagte sie und kündigte ein Pressekonferenz in Berlin an. Im Gegensatz zu Jenny Wolf will Pechstein sogar bis zu den Winterspielen 2018 weitermachen.

Rückhalt von Breuer erhielt die Berlinerin auch ohne die ersehnte Medaille. "So lange Claudia mit 41 Jahren die Beste ist, muss sich der Verband einen Kopf machen, nicht die Athletin. Je länger der Prozess dauert, desto lächerlicher wird die Position des Verbandes."
Der ehemalige Mittelstreckler fand sogar: "Es ist jammerschade, dass Nico Ihle und Samuel Schwarz über 1000 Meter die Medaille so knapp verpasst haben. Aber diese Medaille hätte wieder einiges zugedeckt."


Während die Verantwortlichen der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) eine knallharte Bewertung der eigenen Arbeit vermieden und auf die immer schlechter werdenden Rahmenbedingungen verwiesen, scheint die DOSB-Spitze mit den Entwicklungen nicht zufrieden. "Veränderungen werden notwendig sein, um bei Olympia 2018 erfolgreich zu sein", deutete Leistungssport-Direktor Bernhard Schwank an. Ob er dabei auch personelle Veränderungen meinte, ließ er offen.

"Es ist sicher ein Aufräumen notwendig. Aber das ändert nichts daran, dass wir zu wenige Athleten haben", sagte DESG-Präsident Gerd Heinze. "Wir kennen die Probleme und brauchen mehr gesellschaftliche Unterstützung von Ländern und Kommunen." Nach dem ersten medaillenlosen Auftritt der Eisschnellläufer seit 50 Jahren muss sich der Verband auf eine Kürzung des 1,8-Millionen-Budgets einstellen. "Es wird Einschnitte geben", befürchtet Sportdirektor Günter Schumacher.

In Sotschi war zudem durch eine Kolumne von Anni Friesinger-Postma der weiter schwelende Konflikt zwischen Pechstein und Stephanie Beckert offen zutage getreten. "Es gab Reibereien und Querelen. Wir haben es nicht geschafft, das aus der Welt zu schaffen", räumte Bundestrainer Stephan Gneupel ein, der mit 65 Jahren Abschied von den Eisbahnen nimmt. Der Verband hat keine Konzepte zur Lösung des Dauer-Zoffs. "Es gibt kein Patentrezept, dass sie wieder auf die richtige Spur kommen", gab Schumacher zu. "Man wird es niemals allen recht machen können", räumte er resigniert ein.

Spätestens, seit Pechstein ihrer Rivalin "Arbeitsverweigrung" vorwarf, herrscht eisige Stimmung, die allerdings in Sotschi zwischen beiden nicht eskalierte. Doch die Debatte schlug im olympischen Dorf hohe Wellen und musste durch den Chef de Mission Michael Vesper beruhigt werden. Die DESG scheint mit der Situation überfordert. Gebetsmühlenartig wiederholt die formschwache Beckert, dass sie vom Verband "nicht die erhoffte Unterstützung" erhalten habe. Ihre Vorwürfe, die DESG habe Pechstein bevorzugt, indem man deren Lebenspartner als Betreuer akkreditiert habe, wies Schumacher zurück.