Krasnaja Poljana - Die Zielvorgabe wurde klar verpasst. Nach einer ersten Analyse der Olympia-Pleite von Sotschi steht der erfolgsverwöhnte deutsche Schlittenverband mit seinen Skeletonis vor einem Neuanfang.

"Dabei dürfen wir aber nicht an die Heim-WM im kommenden Jahr in Winterberg und ein Jahr später in Innsbruck/Igls denken, sondern an Olympia in Korea. Daran wird sich alles orientieren, was wir im nächsten Jahr machen", sagte Skeleton-Bundestrainer Jens Müller nach dem schlechtesten Olympia-Ergebnis seit der Wiedereinführung der Sportart 2002. Müller will künftig Sprinter und Risiko-Typen in den Eiskanal schicken.

Immerhin hatte er mit den ehemaligen Weltmeisterinnen Anja Huber (2008) und Marion Thees (2009/2011), dem WM-Zweiten von 2012, Frank Rommel, und dem Weltcup-Gesamtdritten Alexander Kröckel (2013) hochdekorierte Athleten am Start. Doch mehr als ein achter Platz von Huber und Rang neun von Kröckel sprang nicht heraus. "Wir bekommen hier gerade am Start einfach einen übergebraten", analysierte Olympia-Debütant Kröckel treffend. Der ehemalige Skispringer gilt neben Sophia Griebel, die Zehnte wurde, als Zukunftshoffnung.

Die letzte Hoffnung auf ein deutsches Happy End bei den Sotschi-Spielen nach dem schwachen Abschneiden der Frauen konnte auch Rommel nicht erfüllen. Im Gegenteil: Der Eisenacher fiel im Sliding Center Sanki noch von Platz sieben auf Rang elf zurück und blieb damit sogar hinter seinem Teamkollegen. Nach vier Durchgängen hatte Kröckel vier Sekunden Rückstand auf den russischen Olympiasieger Alexander Tretjakow. Zweiter wurde der lettische Weltcup-Gesamtsieger Martins Dukurs vor US-Pilot Matthew Antoine.

Müller lud seine Athleten zu einer ersten Auswertung ein. Die tiefgründigen Analysen sollen erst in den nächsten Wochen erfolgen. "Da muss wirklich alles auf dem Prüfstand. Ich habe mir darüber schon Gedanken gemacht, darüber will ich jetzt aber noch nicht reden", erklärte Müller. Er steckt in dem Dilemma, dass die Youngster noch nicht soweit sind und die Routiniers Huber, Thees und Rommel alle ihr definitiv letztes Olympia-Rennen absolvierten, ihr Karriereende aber noch nicht verkünden wollen. Die WM 2015 in Winterberg reizt viele noch.

Es muss etwas passieren - und zwar relativ schnell. In Sotschi war sogar Müller ob der Zeitrückstände von drei bis vier Zehntelsekunden am Start ratlos. "Wir haben im Sommer auf jeden Fall Riesenanstrengungen unternommen, wir sind viel auf Eis gestartet und haben uns eigentlich eine Optimierung am Start erhofft", meinte Müller. "Ich denke, so viel verkehrt haben wir dort nicht gemacht." Niederlagen fördern Ausreden und fordern Erklärungen.

Bereits nach der durchwachsenen Weltcup-Saison ohne deutschen Sieg betonte Müller, er suche dringend andere Typen für seinen Sport - keine Ex-Rodler: "Bei den anderen Nationen kommen die Skeletonis eher aus den Schnellkraftsportarten oder der Leichtathletik. In Deutschland kommen die Talente meistens übers Rodeln", sagte der Rodel-Olympiasieger von 1988. "Man muss in Deutschland auch für die Zukunft überlegen, wie man das machen will."

Ein großes Problem sieht er im Zeitfaktor. Es dauert eine geraume Zeit, bis sich Sprinter an die Bahnen gewöhnen. "Wir haben das auch schon probiert. Einige Sprinter waren am Start gut, hatten aber große Probleme in der Bahn", erklärte Müller. "Man muss vielleicht andere Leute zum Skeleton bringen, Athleten aus Risikosportarten wie Ski alpin, die eine gewisse Art an Risikobereitschaft mitbringen wie Turnen oder Skispringen."