Sigulda l Bernhard Glass ist 1980 nicht als Favorit zu den Olympischen Spielen nach Lake Placid (USA) gefahren - und hat am 16. Februar doch mit 0,576 Sekunden Vorsprung auf Paul Hildgartner (Italien) die Goldmedaille für die DDR gewonnen. Das war eine Überraschung, wie sie nur bei Ringespektakeln passiert. Glass, der Mann aus Stapelburg am Harz, sagt deshalb: "Olympische Spiele haben ihre eigenen Regeln." Seine kanadischen Rodler können das in Sotschi beweisen.

Seit einigen Jahren hat sich im Land des Ahornblattes vieles getan, seitdem nämlich die Deutschen Wolfgang Staudinger (Chefcoach ab 2007) und Glass (ab 2010) das Nationalteam anführen. Sie haben die Kanadier aus der Versenkung eines Entwicklungslandes in Richtung Welt- spitze geführt - ein steiniger Weg. "In Kanada fehlt die Rodeltradition, wie dort haben viele andere Nationen nicht die Basis der Deutschen." Glass muss es wissen, er war selbst 15 Jahre Trainer am Stützpunkt in Oberhof. Er sagt: "Kanada ist ein Eishockey-Land, 90 Prozent der Leute kennen sich damit aus." Als er den Trainerjob dort übernahm, "hat sich niemand fürs Rodeln interessiert". Und dann kam Alex Gough.

Die 26-Jährige gehört bei den Frauen zu den wenigen Ausnahmen, die in die deutsche Phalanx einbrechen kann. Gough ist Dritte des Gesamtweltcups dieser Saison, sie hat bei Weltmeisterschaften schon einmal Silber und dreimal Bronze gewonnen. Während die deutschen Olympiastarter, denen in allen Kategorien der Weltcupsieg nicht mehr zu nehmen ist, sich bereits auf Sotschi vorbereiten, hat Gough nun die Chance, beim letzten Rennen des Winters und vor Olympia am Wochenende in Sigulda (Lettland) aufs oberste Podest zu fahren. Allen anderen kanadischen Athleten fehlt "die Konstanz und Stabilität in den Leistungen", sagt Glass.

Goughs Chancen auf eine Medaille in Sotschi will Glass dennoch nicht prozentual beziffern. "Dazu bin ich zu lange im Geschäft, als dass ich für Olympia einen Tipp abgeben möchte", erklärt der 56-Jährige, dessen Vertrag mit dem kanadischen Verband nach den Winterspielen neu verhandelt wird.

Glass - der zweifache Familienvater lebt in Oberhof - kann seinen Schützlingen das technische Rüstzeug mitgeben, ihnen über seine emotionalen Erfahrungen berichten, und er kann ihnen jede Bahn auf der Welt erklären. Aber mit dem Druck, den Olympia mit sich bringt, "kommt letztlich jeder anders zurecht", sagt der Coach. Allerdings: Wenn seine Athleten eines nicht haben, dann ist es Erfolgsdruck. Den hatte Bernhard Glass 1980 auch nicht.