Sinsheim - Am Tag nach dem nächsten HSV-Debakel hatte selbst der bislang so geduldige Bert van Marwijk genug. Als Konsequenz aus der abstiegsreifen Leistung beim 0:3 bei 1899 Hoffenheim strich der Trainer des Hamburger SV den freien Montag, setzte für Mittwoch zwei Trainingseinheiten an.

Er erwägt als weitere Maßnahme, vor dem nächsten Heimspiel gegen Hertha BSC sogar in ein Kurz-Trainingslager zu gehen. "Es gibt jetzt nur eine Aufgabe: Alle zusammenhalten und das nächste Spiel gegen Hertha BSC gewinnen", hatte der selbst immer stärker unter Druck stehende Niederländer bereits am Samstag nach der fünften Niederlage in Serie gesagt. Man kann seinen verschärften Übungsplan als Reaktion auf den Vorwurf verstehen, van Marwijk lasse zu wenig und zu lasch trainieren. Man kann aber auch sagen: Seine Mannschaft lässt ihm nach einem wehr- und chancenlosen Auftritt keine andere Wahl.

In Hoffenheim ließ sich der HSV sogar von einem direkten Konkurrenten im Abstiegskampf vorführen. Fünfmal nacheinander hatte der ruhmreiche Traditionsverein zuletzt im Oktober 1970 verloren. Durch den 3:1-Sieg des Konkurrenten 1. FC Nürnberg in Berlin rutschte der HSV am Sonntag sogar auf den direkten Abstiegsplatz 17 ab.

Ein Gutes hatte der desolate Auftritt für van Marwijk immerhin. Als es darum ging, ihren umstrittenen Trainer zu stützen, zeigten die Hamburger auf einmal jene Entschlossenheit, die auf dem Platz fehlte. "Wir stehen in der Kritik, wir spielen katastrophal. Da kann der Trainer nichts für", sagte van der Vaart vor den TV-Kameras von Sky. "Sein System kennen wir, am Ende des Tages fehlt die Qualität. So macht Fußball keinen Spaß. Diese Saison ist eine Katastrophe."

Auch Sportdirektor Oliver Kreuzer bekannte sich noch einmal klar zu seiner erst im September verpflichteten Wunschlösung. "Wir sind richtig dick im Abstiegskampf", sagte er. "Aber ständig alles auf den Trainer zu schieben - das hat man in den letzten Jahren immer gemacht. Ich habe gesagt: Das ist der richtige Trainer für diesen Verein. Da muss man andere Dinge hinterfragen." Am Sonntag legte er noch einmal nach: "Wir müssen noch enger zusammenrücken und gemeinsam den Bock umstoßen. Van Marwijk steht nicht in unserer Kritik."

Diese Form der Rückendeckung für den Niederländer ist nicht ganz unerheblich in Hamburg. Schließlich verschwanden dort in den vergangenen Tagen fast alle finanziellen, strukturellen und auch personellen Probleme dieses Vereins hinter der einen, kampagnenartig vorgetragenen These über van Marwijks Arbeitsmoral. Der Coach selbst betonte nach dem miserablen Rückrunden-Start mit 0 Punkten und 0:6 Toren: "Ich bin kein Typ, der aufgibt. Ich habe mir noch keine Gedanken über meinen Job gemacht und werde das auch nicht machen."

Denn die Kernfrage lautet tatsächlich: Ist van Marwijks Arbeit das große Problem oder muss der 61-Jährige bloß die vielen Fehler der Vergangenheit ausbaden? Dass eine Mannschaft am Tag nach einem Spiel nur ausläuft und am Tag darauf frei hat, ist in der Bundesliga völlig normal. Dass ein Trainer einen ohne erkennbaren Plan von sechs verschiedenen Vorgängern zusammengestellten Kader übernimmt und dann vor lauter Schulden kaum verändern kann, eher nicht.

Der HSV scheint an einem Punkt angelangt zu sein, an dem die ständige Unruhe, die ständigen Personalwechsel, die ewige Finanznot alles blockiert. "Wie bei uns die Tore reingehen - ich kann es nicht mehr sehen", schimpfte van der Vaart. Auch van Marwijk klagte: "Wir geben die Tore viel zu einfach weg. Im Moment ist alles gegen uns."

Bei den Gegentreffern 42 bis 44 in dieser Saison profitierten diesmal Roberto Firmino (4.), Niklas Süle (44.) und Andreas Beck (61.) davon. Die Hoffenheimer waren danach "total happy", wie ihr Trainer sagte, aber Markus Gisdol warnte mit Blick auf die Tabelle auch: "Die Bundesliga ist zurzeit die wahrscheinlich gefährlichste Liga der Welt." Für den HSV kein gutes Zeichen.