Der deutsche Handball kriselt, der Liga-Dachverband HBL denkt über schärfere Lizenzierungsregeln nach, die Vereine suchen fieberhaft nach neuen Geldquellen und Finanzierungsmodellen. Über die Chancen und Risiken sprach Volksstimme-Redakteurin Janette Beck mit SCM-Geschäftsführer Marc Schmedt.

Volksstimme: Sie haben im November 2013 beim Liga-Dachverband HBL die Nachfolge von Bob Hanning als Vizepräsident angetreten, haben neue Einblicke in das große Ganze bekommen. Wie stellt sich die Situation im deutschen Handball aus wirtschaftlicher Sicht für Sie dar?

Marc Schmedt: Zu unseren Hochzeiten im Jahr 2001/2002 bestand die erste Bundesliga aus 18 breit aufgestellten Vereinen. Die Etats bewegten sich in der Spitze um fünf Millionen Euro. Dann ging die Entwicklung voran, und mit dem WM-Titel für Deutschland 2007 steil nach oben. Es traten die ersten mäzengeprägten Vereine wie der HSV Hamburg oder die Rhein-Neckar Löwen auf den Plan. Der sportliche Erfolg hängt immer stärker von den finanziellen Mitteln ab. Heute stellt sich das Ganze in der ersten Liga so dar, dass laut HBL zwölf Vereine Mäzen-Struktur haben und nur noch sechs, dazu gehört auch der SCM, die als Traditionsverein auf eine breite Struktur mit vielen mittelständischen Unternehmen als Sponsoren basiert. Die Etathöhen bei den Champions-League-Teilnehmern liegen oder lagen in der Spitze über zehn Millionen Euro.

Volksstimme: Einige Vereine von damals sind inzwischen ganz von der Bildfläche verschwunden, anderen "Kleinen" droht der Zwangsabstieg. Aufsteiger wandern im Kampf um den Klassenerhalt am finanziellen Abgrund, andere verzichten aus finanzieller Sicht auf den Aufstieg. Was läuft bei diesen Vereinen verkehrt?

Schmedt: Durch das Mäzenatentum die Preise unglaublich in die Höhe getrieben wurden. Auch und gerade bei den Spielergehältern oder Ablösesummen. Wenn es bei einigen Vereinen das Bestreben gab, dem Trend zu folgen, um mithalten zu wollen, dann war das für einige das Ende. Das führte dazu, dass Traditionsvereine wie Nordhorn, Wallau, TuSEM Essen oder Großwallstadt nicht mehr in der Bundesliga vertreten sind. Und machen wir uns mal nichts vor: Auch wir kennen die finanzielle Schieflage nur zu gut. Wir haben nicht vergessen, dass es uns gemeinsam nur mit einem Riesenkraftakt gelungen ist, den wirtschaftlichen und somit sportlichen Totalschaden zu verhindern. Auch der TBV Lemgo ist ein positives Beispiel dafür, wie ein Verein mit viel Mühe und Arbeit die "Kurve gekriegt" hat.

Volksstimme: Ist Ihnen um die Zukunft des deutschen Handballs da nicht bange? Zumal sogar der millionenschwere Handball-Riese HSV Hamburg ins Wanken gekommen ist und drastische Sparmaßnahmen durchziehen muss. Oder wenn der Klassenprimus THW Kiel möglicherweise das dritte Jahr in Folge einen Millionenverlust einfährt?

Schmedt: Gerade diese Vereine kann man nicht miteinander vergleichen. Natürlich hat sich das Ganze auch bei den Top-Vereinen nach dem Hype 2007 extrem hochgeschaukelt und die Preise hochgetrieben. Und auch der Branchenprimus Kiel ist nicht vor wirtschaftlichen Herausforderungen sicher. Dennoch ist der THW ein wirtschaftlich gesunder Verein, gerade weil er eine breite Basis hat. Der THW ist für mich das Paradebeispiel für einen Verein, der wirtschaftlich über zehn bis 15 Jahre gewachsen ist.

Volksstimme: Ganz im Gegenteil zu Hamburg, das am Tropf von Großsponsor Rudolph hängt.

Schmedt: Die Entwicklung dort ist für mich in der Tat ein klares Alarmzeichen für die gesamte Liga. Ich betrachte es als großes Risiko, wenn man wirtschaftlich gesehen auf eine "Monokultur" setzt. Ich hoffe, dass der HSV nun den angekündigten Veränderungsprozess erfolgreich umsetzt.

Volksstimme: Ist es angesichts solcher Bedenken nicht kontraproduktiv, dass die HBL erwägt, innerhalb der Richtlinien für ihr Lizenzierungsverfahren die sogenannte 50-plus-1-Regel abzuschaffen, der zufolge die Vereine in den Profiklubs eine Stimmrechtsmehrheit besitzen müssen?

"Und wenn ich als Traditionalist abgestempelt werde, bin ich das gerne."

Schmedt: Das Thema ist in der Diskussion. Aber ein solches Geschäftsmodell wird es mit mir als SCM-Geschäftsführer nicht geben. Und wenn ich deshalb als Traditionalist abgestempelt werde, bin ich das gerne. Ich sehe mich den Traditionen meines Vereins verpflichtet und betrachte unseren Sport immer noch als regionale und gewachsene Veranstaltung. Der Handball lebt vom Standort, von der emotionalen Wertschätzung und davon, dass sich das Publikum mit Heimatverein und Spielern identifiziert. Ich bin ein Befürworter des Geschäftsmodells, das wir praktizieren - nämlich, auf breite Struktur und viele regionale Sponsoren zu bauen, transparent und mit Augenmaß zu investieren und organisch zu wachsen. Auch wenn das in der Praxis bedeutet, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen und wir sportlich gesehen nach zwei Schritten nach vorn auch mal einen zurückgehen müssen.

Volksstimme: Wo sehen Sie die größten Gefahren einer Auflösung der 50-plus-1-Regel?

Schmedt: Grundsätzlich sind neue Gedanken und Alternativen begrüßenswert. Ich bin aber nicht davon überzeugt, dass amerikanische Verhältnisse den Handball in Deutschland nach vorn bringen werden. Vielmehr befürchte ich, dass Kapitalanleger, die dann die Stimmmehrheit an einem Verein haben, den Handball zu ihrem Spekulationsobjekt machen könnten. Beispielsweise sehe ich die Gefahr eines möglichen Standortwechsels von Vereinen. Beim Eishockey treten die Hannover Skorpions jetzt in Schwenningen an. Dadurch geht jegliche Identifikation mit dem Verein flöten. Mir stehen die Nackenhaare zu Berge, wenn ich mir vorstelle, dass der SCM irgendwann in Dresden oder Frankfurt am Main zu seinen "Heimspielen" aufläuft. Für so etwas bin ich nicht zu haben.

Volksstimme: Handball ist hinter König Fußball die Mannschaftssport Nummer zwei in Deutschland. Besteht ohne zusätzliche Investoren oder neue Geschäftsideen nicht die Gefahr, die Position an Eishockey und Basketball bald zu verlieren?

Schmedt: Ich sehe durchaus die Gefahr, dass uns diese Sportarten den Rang ablaufen. Und wir stehen diesbezüglich unter Zugzwang. Die Frage ist nur, mit welchen Mitteln und Maßnahmen wir als HBL dagegen steuern sollten. Wenn die Mehrheit der Meinung ist, die 50-plus-1-Regel sollte abgeschafft werden, ist das so. Aber ich bleibe dabei, dass das für uns keine Option sein wird. Der Großverein SCM ist und bleibt der 100-prozentige Gesellschafter der Handball Magdeburg GmbH. Für uns ist der eingeschlagene Weg alternativlos. Aber auch was das große Ganze anbelangt, sehe ich grundsätzlich woanders Wachstumspotenzial.

Volksstimme: Wie würde denn Ihr Masterplan für den deutschen Handball aussehen?

Schmedt: Ganz entscheidend und existenziell für den deutschen Handball ist das Abschneiden der Nationalmannschaft. Sie ist und bleibt unser Aushängeschild. Dort müssen wir ansetzen. Das DHB-Team ist die einzige Mannschaft, die überregional für breites Interesse sorgt. Was der deutsche Handball zudem noch mehr braucht, sind Typen wie Uwe Gensheimer, Spieler die polarisieren und Menschen emotional berühren. Wachstumspotenzial sehe ich auch darin, sich der Basis zuzuwenden, soll heißen: Wir müssen mit dem Handball in die Fläche gehen, in die Vereine und Schulen der Region und die Leute vor Ort an den Standorten für das Thema sensibilisieren. So wie wir es mit der Sachsen-Anhalt-Tour machen.

Volksstimme: Wie sehen Sie den Handball in Magdeburg für die Zukunft finanziell aufgestellt?

Schmedt: Der 2007 begonnene Prozess der Konsolidierung, den Steffen Stiebler und ich 2009 fortgeführt haben, hat dazu geführt, dass wir die Altlasten mit unseren Partnern nahezu auf Null gebracht und uns wirtschaftlich stabilisiert haben. Aber das ist nur eine Momentaufnahme, wir müssen täglich an der wirtschaftlichen Basis des SCM arbeiten. Wir hoffen wieder auf eine auflagenfreie Lizenz für die kommende Saison. Sportlich gesehen, haben wir in diesem finanziellen Rahmen eine Mannschaft zusammen, die in der Lage ist, um Platz sechs zu spielen. Die grundsätzliche Frage ist jetzt: Reicht uns das, oder wollen wir mehr?

Volksstimme: Und wollen Sie mehr?

Schmedt: Natürlich reizt mich diese Herausforderung. Die Frage müssen wir uns alle stellen - und damit meine ich nicht nur die Mannschaft, den Trainer, die Geschäftsstelle und den Gesamtverein, sondern auch das wirtschaftliche Umfeld, die Sponsoren, die Stadt, Fans und das potenzielle Handball-Publikum. Wenn wir mehr wollen, ist ein wirtschaftliches Wachstum von 15 bis 20 Prozent in den nächsten zwei Jahren erforderlich. Es hört sich banal an, ist aber so: Die wirtschaftliche Grundlage ist die Basis für den sportlichen Erfolg. Wirtschaftliches Wachstum ist keine Garantie, aber ich habe keinen Zweifel daran, dass wir unser Ziel erreichen können, wenn wir es wollen.