Volksstimme: Es ist Ihnen förmlich anzusehen, wie angefressen Sie sind. Machen Sie Ihrem Frust ruhig mal Luft!
Marc Schmedt: Natürlich bin ich sauer, denn auch ich habe heute und auch zuvor in Wetzlar mehr erwartet. Und es ist ja nicht so, dass wir es nicht können. Ich verstehe das einfach nicht, wie man so eine Offensivleistung anbieten und die Chancen reihenweise liegenlassen kann. Aus dem Rückraum und vom Kreis kam in den letzten beiden Spielen einfach zu wenig. Offensichtlich bekommt es dieser Mannschaft gar nicht gut, wenn sie mal vier, fünf Spiele hintereinander einen Lauf hat. Dann denken einige, es läuft - und das von alleine. Aber das ist ein Trugschluss. Wir sind einfach nicht so weit und reißen mit dem Hintern immer wieder ein, was wir uns vorher mühsam und gut aufgebaut haben.

Volksstimme: Wo liegt aus Ihrer Sicht das Grundproblem?
Schmedt: Ich verfolge das ja schon seit ein paar Jahren: Uns fehlt einfach die mentale Stärke, die Pflichtaufgaben zu erfüllen. Da unterscheiden wir uns von Spitzenmannschaften, die ihre Hausaufgaben solide erledigen. Und ganz ehrlich, wenn ich die Wahl hätte, dann hätte ich lieber in Kiel oder gegen den HSV verloren, aber die Pflichtpunkte wie heute oder vor einer Woche geholt. In einer Saison vier Punkte gegen Wetzlar zu lassen, das geht gar nicht, ohne die Leistung der HSG geringschätzen zu wollen.

Volksstimme: Bereits in Wetzlar mangelte es offensichtlich an der Einstellung. Und auch gegen Gummersbach wirkte die Mannschaft von Beginn an blutleer und nicht so, als wolle sie den virtuellen Kampf mit Melsungen um Rang sechs mit breiter Brust annehmen. Ist der ohnehin kostenintensive EHF-Cup vielleicht doch nicht so reizvoll für die Spieler, sondern vielmehr zusätzlicher Ballast, auf den man gut und gerne verzichten kann?
Schmedt: Diese Sichtweise würde ich keinem Spieler unterstellen wollen. Ich glaube auch nicht, dass wir ein Verein sind, der den Spielern eine Hängematte bietet. Im Europacup zu spielen, ist aus meiner Sicht nach wie vor ein reizvolles Ziel. Aber vielleicht sollte sich der eine oder andere in der Sommerpause doch mal fragen, was zukünftig seine persönlichen Ziele mit dem SCM sind. Ob man sich damit zufrieden gibt, vier, fünf Top-Spiele abzuliefern und sich dafür feiern zu lassen, oder ob man doch mehr will.

Volksstimme: Wen haben Sie da besonders im Auge?
Schmedt: Ich sage nur so viel: Jeder Bonus ist irgendwann mal aufgebraucht, egal was auf der Visitenkarte steht. Alles andere regeln wir intern.

Volksstimme: Wie denn?
Schmedt: Indem wir unseren neuen Integrationsauftrag an Trainer Geir Sveinsson aktiv mit Leben erfüllen und jungen, hungrigen Spielern die Möglichkeit geben, den alten, etablierten richtig Druck zu machen. Spieler wie Alexander Saul und Tomasz Gebala müssen mit Beginn der Vorbereitung einsatzbereit sein.

Volksstimme: Sind die Messen für diese Saison gesungen, nachdem der SCM Platz sechs selbst bei einem Sieg in Melsungen am Samstag nicht mehr aus eigener Kraft schaffen kann?
Schmedt: Wenn wir unsere Chancen so leichtfertig aus der Hand geben, haben wir es vielleicht auch nicht verdient. Da aber noch mit etwas Schützenhilfe alles drin ist, müssen wir unseren Teil dazutun und die letzten drei Spiele gewinnen. Außerdem will ich mich nicht nur vom Tagesgeschäft leiten lassen, und wenn ich von oben draufschaue, dann muss ich auch sagen: Wer hätte gedacht, nachdem wir im Dezember bei voller Fahrt die Räder gewechselt haben, dass wir überhaupt noch so weit kommen?