Magdeburg l Rund 300 "Touristen" durften am 8. Mai 1974 im Rotterdamer "Kuip" den Europapokalsieg des 1. FC Magdeburg live miterleben. Diese sollten sich, so ein Befehl des Stellvertreters Operativ der Bezirksverwaltung Magdeburg des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), Oberstleutnant Müller, aus der Stadt Magdeburg rekrutieren.

In einem auf den 29. April 1974 datierten Telegramm verwies Müller gegenüber den Leitern der MfS-Kreisdienststellen darauf, dass der "Hauptteil der Touristen" aus Magdeburg kommen muss. Sollten "vereinzelt" auch "Personen aus den Kreisen" in die Auswahl gelangen, sei "nach den Auswahlprinzipien der Fußball-WM zu verfahren". Zur Erinnerung: Im Sommer des gleichen Jahres fand in der damaligen BRD die Fußball-WM mit Teilnahme der DDR-Auswahl statt.

Der Leiter der Abteilung XX (Staatsapparat, Kultur, Kirche, Untergrund) war zuvor beauftragt worden, "bei Bekanntwerden der Teilnehmer aus Ihrem Kreisgebiet die erforderlichen Aufgaben - Auskunftsberichte - festzulegen".

Viertelseite mit Einschätzung über Verwandte

Müller befahl zudem, "unter den Touristen IM (Informelle Mitarbeiter/d. Red.) zum Einsatz zu bringen", die nach ihrer Rückkehr "sofort Einschätzungen erarbeiten" sollten. "Die Auswahl und der Einsatz von Touristen ist ständig mit der Kreisleitung (der SED/d. Red.) abzustimmen".

Das eine A-4-Seite umfassende Muster des Auskunftsberichtes beinhaltete Angabe wie Name, Beruf, soziale Herkunft oder Vorstrafen, den beruflichen Werdegang, familiäre Verhältnisse und die politische Entwicklung ("Verdienste bei der Festigung der DDR, aktive Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben, wodurch wurde die pol. Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt?").

Darüber hinaus sollte eine "kurze Einschätzung, ca. 1/4 Seite, mit Angaben über Verwandte ersten Grades (Ehefrau, Kinder, Vater, Mutter, Geschwister, Schwiegereltern)" erarbeitet werden. In einem Schreiben unterrichtete Müller den Leiter der Dienst-einheit XIX (Verkehr), dass "die Weisung des Leiters der Bezirksverwaltung vom 5. März - alle Touristen unter zeitweilige OPK (Operative Personenkontrolle/d. Red.) zu stellen - durchzusetzen" sei. Mit dem Satz "Kontrollmaßnahmen sind auch bei den IM und GMS (Gesellschaftliche Mitarbeiter Sicherheit/d. Red.) festzulegen, forderte Müller zur Sicherheit die geheime Überwachung seiner eigenen Überwacher.

Fratze des Imperialismus war nicht grauenhaft

Aus welchen Gründen der Leiter der Abteilung XIX, Major Dallmann, Müller am 2. Mai 1974 mitteilte (die sogenannten "Auskunftsberichte" waren beigefügt), dass sieben Personen als "Touristen" bestätigt, zwei jedoch abgelehnt worden waren, muss offen bleiben.

Vielsagend hört sich aber an, was ein Magdeburger Rotterdam-Augenzeuge am Morgen nach seiner Rückkehr in die Heimat seinem Parteisekretär berichtete: "Ich habe in den Niederlanden in die Fratze des Imperialismus geschaut - aber gegrault hat es mir dabei nicht!"