Oschersleben l Als der Sonntagmorgen noch graute, lugte Christian Vietoris aus seinem Hotelfenster und hatte "sofort ein gutes Gefühl", berichete der 25-Jährige aus Gönnersdorf über diesen romantischen Moment. Dunkle Wolken, schöner Regen: Das ist der Stoff, den Vietoris liebt und den er zum Siegen braucht - wie derzeit auch sein Arbeitgeber Mercedes.

"Jeder wusste, dass wir unter normalen Umständen auch in Oschersleben nicht konkurrenzfähig sind", sagte Vietoris. Mercedes war zum Saisonauftakt vor zwei Wochen in Hockenheim auf trockener Piste ohne Punkte geblieben. "Das Team hat so hart gearbeitet im Winter, und dann muss man zusehen, dass es dafür nicht belohnt wird", meinte Vietoris. Nur im Regen von Oschersleben, da war alles anders. Im Regen tanzte Vietoris zum Sieg, zum ersten in seiner DTM-Karriere, die 2011 begann, zum ersten in seinem 32. Rennen.

Vietoris startete aus der Boxengasse

Am Sonnabend war auf trockenem Asphalt indes gar nichts anders. Da war es ein Hinterherfahren mit besten Chancen auf Resignation. Pascal Wehrlein schob seinen Mercedes als Bester auf die zehnte Startposition fürs Rennen, Vietoris blieb sogar nur Rang 15. Da regnete es eher aus Augen als vom Himmel.

Erst das Chaos am Sonntag auf dem 3,696 Kilometer langen Kurs sorgte für den Stimmungsumschwung, für die Wiederauferstehung. Selbst Risiko wurde belohnt: Vietoris startete letztlich aus der Boxengasse, weil sein Team noch kurzfristig einen Reifenwechsel vornahm.

Rockenfeller wird Zweiter

Das Chaos mit Drehern, Verbremsern, Unfällen, ständigen Führungswechseln hatte viele Namen und Zahlen: Da gab es also den Sieger nach 44 Runden namens Vietoris. Es gab schon vor dem Start den traurigen Verlierer namens Miguel Molina: Der 25-Jährige hatte beim Qualifying seinen Audi auf Pole Position gebracht, wurde aber zum Rennen ganz nach hinten strafversetzt, weil die Rennkommissare einen um 2,7 Millimeter zu langen Heckflügel am Boliden monierten. Es gab drei Safety-Phasen und vier Ausfälle. Und es gab einen Zweiten mit 0,6 Sekunden Rückstand auf Vietoris. Er heißt Mike Rockenfeller, der Titelverteidiger im Audi.

Als der Sonntagmorgen noch graute, lugte Rockenfeller aus dem Hotelfenster - und war frustriert. Bereits am Vortag mussten die Teams bei den Rennkommissaren ihre Reifenwahl mitteilen: "Ich wollte den Optionsreifen, Audi entschied auf Standardreifen", so der 29-Jährige. Optionsreifen haben einen besseren Grip und sind deshalb schneller. Rockenfeller, von Fünf gestartet, fiel zurück bis auf Platz 15 - ehe er zur Aufholjagd blies. "Ich stand kurz davor zu resignieren", erklärte er. "Aber es hat sich wieder gezeigt, dass man nie aufgeben darf."

Denn Platz zwei bedeutete für ihn den Sprung an die Spitze der Gesamtführung (30 Punkte), die zuvor Marco Wittmann (BMW) nach seinem Hockenheim-Sieg besetzte. Aber BMW war im Regen das Mercedes bei Sonne - total chancenlos. Bester Pilot war Augusto Farfus auf Rang fünf.