Neulich hat er wieder eine ganze Halle verzückt: Beim Testspiel in Hohenmölsen ist er bei einem Konter in die Luft gesprungen, hat sich um die eigene Achse gedreht, hat geworfen und getroffen. Das war ein Yves Grafenhorst für die Galerie. Aber seine erste Motivation ist immer: "Der Ball muss im Tor zappeln." Vor allem in der Handball-Bundesliga, denn da hat er noch viel vor mit dem SC Magdeburg – in zwei Jahren will der Verein wieder im internationalen Wettbewerb spielen.

Magdeburg. Ein schönes Kompliment hat sein Trainer Frank Carstens dem 26-Jährigen erst kürzlich gemacht. Natürlich war Grafenhorst auch ein Bestandteil der Mannschaft, als es zwischenzeitlich nicht so lief, wie es sich der SCM selbst vorgestellt hatte. Aber als der Aufschwung zum Ende der Hinrunde und zu Beginn der Rückrunde kam, da ist Grafenhorst mit gewachsener Stabilität in seinen Leistungen vorangegangen und hat sich zur Nummer eins auf Linksaußen gespielt. Der Rechtshänder, der im vergangenen Jahr sein Fernstudium zum Sportmanagement abgeschlossen hat, sagt: "Ich bin noch nicht bei 100 Prozent meines Leistungsvermögens angekommen." Aber die Intensität der laufenden Vorbereitung stärkt ihn in dem Gefühl, in dieser Hinsicht auf dem besten Wege zu sein.

Dass Steffen Coßbau mal den Anspruch geäußert hat, selbst die Nummer eins auf dieser Position zu werden, stört Grafenhorst nicht, es setzt ihn auch nicht unter Druck, im Gegenteil: "Wenn er diesen Anspruch nicht hätte, dann wäre er bei uns falsch." Beide pflegen "einen gesunden Konkurrenzkampf", beide verstehen sich "auch neben der Platte super". Ein Zeichen dafür, dass es an einer positiven Stimmung innerhalb des Teams nicht mangelt.

Grafenhorst hat in den bisherigen 19 Bundesliga-Partien 65 Treffer markiert, es wären mehr gewesen, wenn ihm eine Beckenprellung zu Beginn der Serie nicht in die Quere gekommen wäre. "Ich musste erst meinen Rhythmus finden." Manchmal kam dann wieder sein Ruf durch, irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn zu spielen, inzwischen kann man beide Substantive auf einen positiven Nenner bringen. Der Ruf indes "kommt noch aus der Zeit, als ich 17, 18 Jahre war", weiß Grafenhorst, als sein Vorbild Stefan Kretzschmar die Nummer eins war, er unter Alfred Gislason jede Einsatzminute nutzen wollte, um sich anzubieten. Da klappte alles, oder alles ging schief. Grafenhorst, der seine Stärken in der Antizipation und in der Spielintelligenz sieht, musste den Mittelweg finden, die eigene Übermotivation abzulegen und die volle Einsatzbereitschaft zu wahren.

Bei Außenspielern kommt man schnell zu der Auffassung, sie würden ob ihrer spektakulären Würfe ihre eigene Show inszenieren wollen, aber dieser Eindruck ist eigentlich eine große Dummheit. Grafenhorst, einst bei "Jugend trainiert für Olympia" entdeckt und seit 1997 beim SCM, erklärt das so: "In der Bundesliga trifft man auf starke Torhüter, da muss man immer eine Lösung parat haben." Gerade aus spitzem Winkel. Der Westeregelner musste viel trainieren, um sich sein Wurfrepertoire anzueignen. Und das Training ist noch nicht beendet, denn Grafenhorst strebt immer "nach dem perfekten Spiel".

Seine neue Aufgabe als vorgezogene Spitze in der 5-1-Deckung ist für Grafenhorst gar nicht so neu, schon in der Jugend und zu Beginn bei den Männern füllte er diese Rolle aus. Er muss sie nur wieder auffrischen in Abstimmung mit den anderen. Aber auch da sieht er sich und die Mannschaft auf dem besten Weg. Was ist eigentlich anders an dieser Mannschaft, die sich im Vergleich zur kritischen Vorsaison doch gar nicht so sehr verändert hat? Seine Antwort ist vor allem ein Kompliment: Anders sei nicht nur das neu aufgestellte Umfeld, sondern vor allem der Trainer. Während die Vorgänger das Gislason-Konzept von der 6-0 mit offensiven Halben leicht modifizierten, ist Carstens mit einem neuen und klaren Konzept mit offensivem Mittelblock zum SCM gekommen: "Und das hat unser vollstes Vertrauen." Den besten Beweis liefert immer wieder Grafenhorst selbst: Er verzückt die Halle.

Der SC Magdeburg tritt heute beim Sparkassen-Cup in Schwerin an. Erster Gegner um 11.45 Uhr ist der VfL Potsdam. Im zweiten Halbfinale stehen sich Post Schwerin und Nettelstedt-Lübbecke gegenüber. Das Spiel um Platz drei wird um 16.30, das Finale um 18.30 Uhr angeworfen.