Magdeburg/Halle l Es war ein Schritt zur Vergangenheitsbewältigung, und er war "mit Sicherheit kein leichter". Doch Matthias de Zordo ist ihn am vergangenen Wochenende gegangen. Der Speerwurf-Weltmeister von 2011 kehrte nach Halle zurück - zurück an den Ort, wo den damaligen Neu-Magdeburger vor einem Jahr beim Saisondebüt das Schicksal mit aller Härte traf: Ein Achillessehnenriss setzte ihn für "eine gefühlte Ewigkeit" außer Gefecht.

De Zordo hatte sich bewusst für die Stippvisite beim traditionellen Werfertag in Halle entschieden. Im "unsportlichen Outfit" - sprich: mit brauner Lederjacke, Jeans und einem grünen Basecap - stand er ganz entspannt an der Wurfanlage und nahm viele seiner einstigen und künftigen Konkurrenten bei deren Saisonauftakt in Augenschein. "Ich glaube, an den Ort des Geschehens zurückzukehren, hilft mir, das Erlebnis von damals kopfmäßig zu verarbeiten. Das ist vielleicht wie beim Reiten, da heißt es ja auch, dass man nach einem schweren Sturz sofort wieder aufs Pferd steigen soll."

De Zordo darf nichts überstürzen

Um im Bild zu bleiben, losgaloppieren ist momentan für den Speerwerfer allerdings ein Tabu. So fest sitzt der Schützling von Trainer Ralf Wollbrück, der im Sommer 2012 als "Zugpferd" des neugegründeten Elite-Wurfteams zum SCM geholt worden war, auch nach dem gerade erst absolvierten Trainingslager in Portugal noch nicht im Sattel. Eher befindet sich der 26-Jährige derzeit im Trab.

"Was den Oberkörper anbelangt, bin ich schon ganz gut dabei. Was den Rest betrifft, bin ich inzwischen soweit, aus dem Dreier-Rhythmus - also einem stark verkürzten Anlauf - zu werfen. Das klappt zwar schon ganz gut, aber bis ich den nächsten Stepp gehen kann, dauert es noch ein wenig. Die Muskulatur in der Wade und die Bänder im Sprunggelenk sind einfach noch nicht soweit aufgebaut, dass sie das ganze System stabil halten können." Und auch wenn er nach einem Jahr langsam ungeduldig werde und ihm es in den Fingern jucke, wenn er die anderen Jungs werfen sehe, "ich will und darf nichts überstürzen."

WM im Sommer ist ein Ziel

Denn da ist auch noch die Sache mit dem Kopf. Auch der müsse mitspielen. "Natürlich horcht man nach so einer schweren Verletzung immer in sich hinein, und das kleinste Zwicken setzt einen sofort in Alarmbereitschaft. Aber zumindest bin ich so weit, dass mir kein kalter Schauer mehr über den Rücken läuft, wenn ich an das traumatische Erlebnis in Halle denke. Aber irgendwann dann ohne Kompromisse voll raufzugehen, das ist noch etwas ganz anderes. Das wird mit Sicherheit große Überwindung kosten, da mache ich mir nichts vor."

De Zordos Plan ist deshalb, erst einmal keinen Plan zu haben. Der Speerwerfer mit einer Bestleistung von 88,36 Metern, will sich nicht durch zu enge Zeitraster unter Druck setzen. Die EM im Sommer in Zürich ist zwar ein reizvolles Ziel, aber kein Muss: "Wenn alles optimal läuft, dann bin ich vielleicht bei den deutschen Meisterschaften Ende Juli schon so weit, wenn nicht, dann ist das auch kein Beinbruch. Dann verschiebe ich mein Comeback eben auf den Herbst oder das Ende des Jahres. Mein Fernziel sind nach wie vor die Olympischen Spiele in Rio 2016 - da will ich es wissen."