Magdeburg l Roland Oesemann richtete noch vor einigen Tagen seinen bangen Blick auf die Balkanregion, wo Tausende Menschen vor der Jahrhundertflut flüchteten, wo Dutzende Tote seither beklagt werden. "Sie haben dort gerade andere Probleme als eine Ruder-Europameisterschaft auszutragen", erklärte der 53-jährige Trainer vom SC Magdeburg nachdenklich.

Aber die Organisatoren ließen sich nicht aufhalten, das Event in Belgrad und auf der Sava zu realisieren. Am Dienstag dieser Woche teilte Nebojsa Jevremovic, der Chef der serbischen Ruderer, per E-Mail allen europäischen Verbänden mit: "Die EM war zu keiner Zeit in Gefahr." Europa wird wie geplant vom 30. Mai bis 1. Juni seine neuen Titelträger suchen.

Nur Neuseeland fehlt zur kompletten Weltelite

Und die kontinentalen Meisterschaften haben bereits einen statistischen Rekord gebrochen: 36 Nationen schicken nämlich 659 Athleten an den Start, mehr als bei jeder anderen EM zuvor. Unter ihnen ist Marcel Hacker vom SCM, im Einer tritt er zum Medaillenkampf gegen 22 Konkurrenten an.

Über "Facebook" hat Hacker am Mittwoch die Starterliste veröffentlicht. In Belgrad ist der Brite Alan Campbell dabei, auch der Tscheche Ondrej Synek und der Norweger Olaf Tufte. Um die Weltelite zu komplettieren, "fehlt nur Neuseeland", meinte Hacker. Neuseeland in Person von Mahé Drysdale, der am Donnerstag vom Fernsehinterview am Lake Karapiro in seiner Heimat fröhlich "twitterte".

Belgrad ist also die WM vor der WM - und noch vor den Weltcups in Aiguebelette (Frankreich) und Luzern (Schweiz). Die Welttitelkämpfe finden im August in Amsterdam (Niederlande) statt. Und Belgrad ist damit zugleich der erste perfekte Leistungstest für die Saison. Nicht nur Hackers Fokus richtet sich vor allem auf Synek, den amtierenden Weltmeister. London-Olympiasieger Drysdale hat jüngst im Interview mit der Zeitung "New Zealand Herold" festgestellt, Synek sei für ihn derzeit unerreichbar: "Für mich wird es bei der WM um Platz zwei bis sechs gehen."

Vorbereitung auf Olympia verläuft nach Plan

Einen ersten Platz hat Hacker zuletzt bei der Internationalen Regatta in Duisburg erzielt, er sagte danach: "Das war eine gelungene Generalprobe für die EM." Geschlagen hat der in diesem Jahr noch ungeschlagene Hacker den Niederländer Roel Braas - mit satten fünf Sekunden Vorsprung. Braas ist längst kein Unbekannter mehr auf der Ruderbühne, der 2,01-Meter-Hüne gewann 2013 bei der EM in Sevilla (Spanien) Bronze, bei der WM in Chungju (Südkorea) wurde er Fünfter, auch in Belgrad ist er am Start. "Er ist physisch stärker geworden", sagte Hacker über Braas. "Aber auch ich habe zugelegt, es läuft in jeglicher Hinsicht alles nach Plan für die Olympischen Spiele 2016."

Hacker ist in jenem Rennen in Duisburg eine neue Taktik gefahren: "Ich bin kraftsparender gerudert", erklärte er. Er ist der Konkurrenz schnell vorausgeeilt, um im Falle eines Angriffs ebenso schnell reagieren zu können. "Nach 1500 Metern hatte Marcel bereits einen Vorsprung von acht Sekunden", berichtete Oesemann erfreut.

Über das Internet hat sich der 37-jährige Hacker in den vergangenen Wochen über die anderen Konkurrenten informiert und die Nachricht erhalten, Synek laboriere an Knieproblemen. Die EM lässt sich der 31-jährige Tscheche dennoch nicht entgehen. Am 1. Juni um 14.03 Uhr startet das Finale - der erste große Schlagabtausch der Saison.