Zerbst/Niederlepte l Als Beatrix Segbers das 40 Meter lange Schwimmbecken durchquerte, dessen kaltes Wasser ihr bis zum Kinn reichte, dachte sie beim Anblick der warm eingepackten und unter Regenschirmen versteckten Zuschauer links und rechts der Strecke: "Ihr habt es gut". Die Frauen und Männer, die beim Strongmanrun auf dem Nürburgring ins Ziel kommen wollten, mussten gleich zweimal ins Becken, dessen anfangs klares Wasser mit jedem dreckverschmierten Teilnehmer zu einer gelb-braunen Brühe wurde.

Vor einem Jahr hatte Beatrix Segbers über fünf Männer aus dem Bereich Genthin in der Volksstimme gelesen, die beim Strongmanrun (Rennen eines starken Mannes) mitgemacht hatten. "Was Männer können, können Frauen auch", sagte die 41-Jährige und füllte im Internet gleich die Voranmeldung aus.

"Was Männer können, können Frauen auch"

"Herzlichen Glückwunsch, du hast dich soeben erfolgreich für den Fishermans Friend Strongmanrun angemeldet", lautete im September ihre Teilnahmebestätigung. Am 25. Februar begann Beatrix Segbers, sich gezielt auf den Wettbewerb vorzubereiten. Die Internetseite des Veranstalters bietet mehrere Trainingspläne an. Als Frau, die schon einen Ironman-Triathlon absolviert hat, entschied sie sich nicht nur für "Ankommen", sondern für das ambitioniertere "flotte Ankommen".

"Laufen war nie meine Stärke", sagte Beatrix Segbers, die schon seit Kindertagen Sport treibt. Wenn ihr das Lauftraining zu eintönig wurde, stieg sie auf Inlineskaten oder Schwimmen um oder sie hatte Szuma, ihren ungarischen Vorstehhund dabei, der sie unterwegs unterstützte und motivierte.

Lauftraining reicht für einen Wettbewerb wie den Strongmanrun, wo es keinen Kilometer ohne Hindernis - 17 Stück auf der zwölf Kilometer langen Strecke, die zweimal absolviert werden muss - gibt, nicht aus. Die notwendige Kraft holte sich Beatrix Segbers im Fitnessstudio in der Bodypump-Gruppe von Simone Striebing.

Beatrix Segbers stand am 10. Mai mit der Gewissheit, sich gut auf das Rennen vorbereitet zu haben, zwischen den anderen 11 905 Teilnehmern an der Startlinie. "Aber ein bisschen Bammel hatte ich schon." Das Wetter an dem Sonnabendmittag war nicht auf Seite der Sportler: Nieselregen bei zehn bis zwölf Grad Celsius. Windig war es obendrein.

Rein in den 1,50 Meter tiefen Graben durch Schlamm waten, raus aus den Graben. Der nächste ist nur mit Schaum gefüllt, der nächste mit eiskaltem Wasser ... Nicht das Nasse, Kalte, Störende, eben das Unangenehme hat Beatrix Segbers in Erinnerung behalten, sondern die Hilfsbereitschaft der Teilnehmer, völlig Fremden untereinander: "Wer aus dem Graben raus war, hat sich umgedreht und dem nächsten geholfen und der hat wieder dem nächsten die Hand gereicht."

Rutschen, Klettern, Robben, Krabbeln, Lehmhügel erklimmen - alles, was auf die Dauer richtig viel Kraft kostet, war beim Strongmanrun gefordert. Beatrix Segbers` Lieblingsdisziplin war das Überwinden der insgesamt 14 000 Autoreifen, die auf einer Länge von 70 Meter lagen, wie sie gerade gefallen waren. "Da bin ich mit Händen und Füßen drüber." Das war die richtige Taktik. Ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen, ging es nicht schneller.

Nach drei Stunden 47 Minuten und 52 Sekunden überquerte Beatrix Segbers die Ziellinie, eine ungarische Fahne in den Händen, die ihr ihre Mutter, die extra für den Strongmanrun aus Ungarn angereist war, rechtzeitig gereicht hatte. "Ich habe es geschafft und das ist wunderbar." Ihre Freude, diese Herausforderung gepackt zu haben, klingt immer noch in jedem Wort, mit dem sie vom Nürburgring berichtet, mit. Zu recht. Schließlich gehörte sie zu den 8176 Frauen und Männern, die ins Ziel gekommen sind.

"Ich habe es geschafft -und das ist wunderbar"

Hinter der Ziellinie erhielt Beatrix Egbers ihre Medaille, die sie als Finisherin (Zielläuferin) ausweist und ließ das obligatorische Zielfoto machen. Dann waren ihre Kräfte aufgebraucht. "Ich habe gezittert und war richtig fertig." Die Wärmefolie reichte nicht aus. Als ihre Mädels aus der Bodypump-Gruppe das sahen, überwanden sie das nächstgelegene Hindernis und halfen ihr in der Wechselzone, trockene Sachen anzuziehen. "Alleine hätte ich das nicht geschafft." Ihr Ehemann packte sie mit in seine Jacke ein. Richtig warm wurde ihr, als sie etwas gegessen und Tee getrunken hatte.

Vier Wochen nach dem Strongmanrun kommt bei Beaxtrix Segbergs so langsam wieder die Lust auf Bewegung. Für einen neuen Wettkampf hat sie sich noch nicht entschieden. "Das passiert bei mir spontan." Ihr sei es wichtig, Grenzen auszuprobieren. Beim Ironman in Wiesbaden 2009 war sie 1,9 Kilometer geschwommen, 90 Kilometer mit dem Rad durch den Taunus gefahren und zum Abschluss einen Halbmarathon gelaufen. Über acht Stunden war sie in Bewegung gewesen. Da müssten - genau wie für den Strongmanrun - Kopf und Körper mitspielen.

Dass sie nicht die einzige Starterin aus Zerbst war, erfuhr Beatrix Segbers ein paar Tage später per Zufall. Ihr Sohn unterhielt sich in der Schule über das vergangene Wochenende. "Wir waren am Nürburgring." "Wir auch." "Meine Mutti hat beim Strongmanrun mitgemacht." "Meine auch."

   

Bilder