Mainz (dpa). Die WM-Generalprobe ist mit einem starken Endspurt gelungen, trotzdem kann Joachim Löw nicht mit einem unbeschwerten Lächeln die Reise nach Brasilien antreten. Die Vorfreude des Bundestrainers wurde am Freitagabend beim 6:1 (0:0) im Benefiz-Länderspiel gegen Armenien von der womöglich folgenschweren Verletzung von Marco Reus getrübt. Zehn Tage vor dem 100. WM-Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Portugal verletzte sich der Dortmunder Angreifer am linken Sprunggelenk und musste zur genauen Untersuchung ins Krankenhaus gefahren werden.

"Ich habe in der Halbzeit gesehen, dass es schon geschwollen war und hoffe, dass er nichts an den Bändern hat", sagte Löw in einer ersten Reaktion im ZDF. André Schürrle (52. Minute), der starke Lukas Podolski (71.), Benedikt Höwedes (73.), der nun alleinige deutsche Rekordtorschütze Miroslav Klose mit seinem 69. Länderspieltreffer (76.) und Mario Götze (82./89.) sorgten vor 27 000 Zuschauern mit einem späten Torfestival noch für den deutlichen Sieg der deutschen Mannschaft, in der Kapitän Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger nach Verletzungen hoffnungsvolle Teilzeit-Comebacks feierten.

"Man hat gemerkt, dass wir heute etwas frischer waren. Aber wir werden versuchen, nochmal einen Schritt nach vorne zu machen", sagte Löw mit Blick auf die Titelmission und betonte: "Es ist Vorfreude dabei und Optimismus, aber auch ein Kribbeln und Anspannung. Ich sehe natürlich auch manche Schwierigkeit auf uns zukommen. Gerade in den K.o.-Spielen darf man sich keinen schwachen Tag erlauben." Der Dortmunder Henrich Mchitarjan verwandelte nach einem ungestümen Einsteigen des gerade eingewechselten Kevin Großkreutz im Strafraum für die Gäste einen Foulelfmeter zum 1:1-Zwischenstand (69.).

"Wir können zufrieden sein, mit einem Sieg abzureisen und haben als Mannschaft ordentlich gespielt", sagte Lahm. "In der zweiten Halbzeit haben wir gezeigt, was in uns steckt. Bei der WM erwarten uns ganz andere Gegner, da müssen wir noch eine Schippe drauflegen", sagte Podolski und betonte mit Blick auf das Portugal-Match: "Wir müssen im ersten Spiel bereit sein, da zählt es." Auch vor den WM-Titeln 1954, 1974 und 1990 feierte die Nationalelf Siege beim letzten WM-Test.

Einen Tag vor dem Abflug der mehr als 60-köpfigen Delegation des Deutschen Fußball-Bundes von Frankfurt nach Salvador ließ Löw anfangs Klose auf der Bank, auch Mesut Özil blieb zunächst draußen.

m klassischen 4-3-3-System wechselten zunächst die spielfreudigen und kombinationsstarken Offensivkräfte Thomas Müller, Schürrle und Reus permanent die Positionen und sorgten nach einer unkonzentrierten Anfangsphase immer wieder für Gefahr in der Hintermannschaft der Armenier – allerdings ohne zwingende Aktionen in der ersten Hälfte.

Dabei hätte der Weltranglisten-38. fast schon nach zwei Minuten die DFB-Elf geschockt. Mchitarjan spielte Geworg Ghasarjan frei, doch der Mittelfeldspieler von Schachtjor Karaganda traf den Ball vor DFB-Schlussmann Roman Weidenfeller nicht. Der BVB-Torwart vertrat erneut Manuel Neuer, der nach seiner Schulterverletzung am 16. Juni in Salvador gegen Portugal aber wieder einsatzbereit sein soll.

Abgesehen von der frühen Schrecksekunde war die deutsche Defensive zunächst nicht gefordert. Im Mittelfeld feierte Kapitän Lahm sein Comeback, schloss immer wieder Lücken und ließ seine Spielintelligenz mehrmals aufblitzen. Für eine Halbzeit reichte die Kraft, dann nahm Löw seinen Anführer raus und brachte Özil (45.).

Auch wenn Schürrle per Kopf nach Lahm-Flanke (9. Minute), Toni Kroos mit einem Fernschuss (22.) oder Reus nach feinem Müller-Pass frei vor Armeniens Torwart Roman Beresowski (32.) gute bis sehr gute Torchancen hatten, blieb es zur Pause beim enttäuschenden 0:0.

Schlimmer noch als die Torlosigkeit wog allerdings die Verletzung von Reus, der in der 44. Minute vom Platz humpelte und mit einer Blessur am linken Sprunggelenk ins Krankenhaus gebracht wurde. Für Reus kam Lukas Podolski, der exakt vor zehn Jahren beim 0:2 gegen Ungarn in Kaiserslautern sein Debüt im Trikot der Nationalelf gefeiert hatte.

Fünf Tage nach dem 2:2 gegen Kamerun war auch im finalen Test gegen die nicht für die WM qualifizierten Armenier Steigerungsbedarf in allen Mannschaftsteilen auszumachen. Zudem fehlten den DFB-Profis in den ersten 45 Minuten Konzentration und Kaltschnäuzigkeit.

Dies änderte sich aber eindrucksvoll nach dem Seitenwechsel. Ohne Lahm, dafür mit Özil wechselten die Deutschen nun wieder in ihr gewohntes 4-2-3-1. Vor allem Podolski belebte die Angriffsaktionen, krönte seine Leistung mit dem Treffer zum 2:1 und empfahl sich nachdrücklich für einen Platz in der WM-Stammformation. Mit seinem 47. Länderspieltor zog der frühere Kölner in der Torjägerliste mit Jürgen Klinsmann und Rudi Völler auf Platz vier gleich.

Nach dem Ausgleich durch Mchitarjan drehten die Deutschen plötzlich auf. Klose kam für Müller – und dank seines Treffers zum 4:1 (76.) stieg er mit seinem 69. Länderspieltor zum alleinigen Rekordtorjäger der deutschen Nationalmannschaft auf und überbot in seinem 132. Länderspiel die 40 Jahre alte Bestmarke von Gerd Müller. Da sich auch Höwedes (73.) und der eingewechselte Mario Götze (82./89.) treffsicher zeigten, erhöhte die überzeugende DFB-Elf auf 6:1.