Mainz - Es sollte seine Weltmeisterschaft werden, jetzt muss der niedergeschlagenen Marco Reus erst einmal den ganz bitteren WM-K.o. wegstecken. "Ein Traum ist von einer zur anderen Sekunde geplatzt", sagte der 25 Jahre alte Dortmunder am Tag nach der folgenschweren Verletzung.

"Er ist natürlich auch geknickt, er ist zutiefst enttäuscht, dass er jetzt die WM verpasst", berichtete der Bundestrainer Joachim Löw von einem Gespräch mit Reus. Ein Teilriss des vorderen Syndesmosebandes oberhalb des linken Sprunggelenks von Reus sorgte für Ernüchterung im deutschen Weltmeisterschafts-Team.

Der 25-Jährige wird voraussichtlich erst in sechs bis sieben Wochen wieder ins Training einsteigen und kann den Mannschaftskollegen bei deren Brasilien-Vorhaben nur noch aus der Ferne zuschauen. Dabei präsentierte sich Offensivkraft Reus, von den Bundesliga-Kollegen gerade mit großem Abstand zum Branchen-Besten gekürt, auch nach Ansicht von Löw gerade in "Topform". Besonders nach dem Ausfall vieler Stars wie Franck Ribéry (Frankreich) oder Radamel Falcao (Kolumbien) hätte der Dortmunder zu einem der Großen bei der WM avancieren können.

Wie riesig die Weltmeisterschafts-Vorfreude von Reus war, unterstrich am Vortag des letztlich bitteren 6:1-Erfolgs gegen Armenien noch einmal das Lächeln beim Shooting des offiziellen Mannschaftsfotos. In Reihe eins strahlte er an der Seite von Kapitän Philipp Lahm - gut 24 Stunden später gab es dann den kräftigen Stimmungsdämpfer für die DFB-Equipe. "Es gibt Momente, da fehlen die Worte. Kopf hoch Marco", richtete Mesut Özil einen aufmunternden Gruß an den deprimierten Mittelfeldkollegen.

"Ich weiß wirklich nicht, wie ich das in Worten ausdrücken soll, was ich gerade empfinde", sagte Reus in einer ersten öffentlichen Reaktion der "Bild"-Zeitung. Die TV-Rolle wird schmerzen, doch ein bisschen Trotz hat Reus schon entwickelt: "Ich muss jetzt aber auch nach vorne schauen, meine Reha ganz professionell angehen, denn es muss weitergehen. Ich komme noch stärker zurück, als ich war."

"Bitter" fand Lahm schon sofort nach dem Spiel die Verletzung des Instinktfußballers: "Er war in sehr, sehr guter Form." Zwar hat Löw im offensiven Mittelfeld noch die meisten Alternativen, doch Reus in aktueller Verfassung ist kaum gleichwertig zu ersetzen. "Er war eine Waffe", erklärte Rekordtorschütze Miroslav Klose.

Aber der DFB weiß: Jammern bringt nichts - und ein Blick vier Jahre zurück bringt möglicherweise auch ein Stück Zuversicht. Wer hätte 2010 nach dem Ausfall von Anführer Michael Ballack nach einem Syndesmose- und Innenbandriss einen solchen furiosen WM-Auftritt der Nationalelf in Südafrika erwartet?

Mit einer Schuldfrage mochte sich nach dem völlig normalen Zweikampf zwischen Reus und Artak Jedigarjan in der 44. Minute der WM-Generalprobe niemand aufhalten. "Es war ein Zweikampf, wie er immer wieder passiert im Spiel", schilderte Löw die Szene. Reus kam von hinten angesprintet, spitzelte dem Armenier den Ball weg und wurde von diesem ohne Absicht getroffen. "Es gab aber keine Schuld, es war kein überhartes Foulspiel", meinte Löw.

Der DFB-Chefcoach hatte schon befürchtet, dass die Verletzung ernst ist, als Reus von Mannschaftsarzt und Physio gestützt in die Kabine geleitet wurde. Nur zaghaft kamen Marco-Reus-Rufe von den Rängen. Reus muss sich jetzt damit trösten, dass er als 25-Jähriger auf jeden Fall noch die EM 2016 und die WM 2018 vor der Brust hat. "Ich hoffe, ich spiele noch viele Turniere und viele Finals. Ich denke mit der Zeit kommt dann auch ein Titel", sagte der 21-malige Auswahlspieler noch im Trainingslager. Das ist erst einmal aufgeschoben.

Der deutsche Nationalspieler Shkodran Mustafi ist am Telefon von seiner Nachnominierung für die Fußball-WM in Brasilien überrascht worden. Er war gerade auf dem Weg nach Hause, da habe ihn der Bundestrainer angerufen, sagte der 22-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Der Innenverteidiger des italienischen Clubs Sampdoria Genua wurde von Joachim Löw anstelle des verletzten Mittelfeldspielers Marco Reus für das kommende Woche beginnende Turnier nachnominiert. Es tue ihm sehr leid für Reus, aber er freue sich natürlich, dass er dabei sein könne, sagt Mustafi.