Rio de Janeiro (dpa) l Auch am Tag nach dem Ende der glorreichen Fußball-Weltherrschaft stand ganz Spanien unter Schock. Die Presse rechnete mit dem entthronten Titelverteidiger schonungslos ab, Trainer Vicente del Bosque deutete nach dem WM-Vorrunden-Aus bereits Konsequenzen an. In den Katakomben des Maracanã in Rio de Janeiro versuchten seine Stars, Andrés Iniesta, Xavi, Xabi Alonso, Sergio Ramos und Iker Casillas, sichtlich fassungslos Gründe für das 0:2 gegen Chile und das kollektive WM-Versagen zu finden - und das ausgerechnet an jenem Mittwoch, an dem der spanische König Juan Carlos seine Abdankungspapiere unterzeichnete.

"Es ist ein trauriger Tag für uns", sagte del Bosque nach der Demütigung. "Es ist Zeit, über die Zukunft nachzudenken. Das gilt auch für mich." Sein Abwehrchef Sergio Ramos plädiert zumindest für den Verbleib des Trainers: "Es muss ihm auch erlaubt sein, Fehler zu machen. Er genießt unseren Respekt, wir haben herrliche Jahre mit einem grandiosen Trainer gehabt."

Nach Italien vor vier Jahren in Südafrika scheiterte mit der "selección" damit der nächste - insgesamt fünfte - WM-Champion in der Vorrunde. So tief gefallen wie die goldene spanische Generation waren aber selbst Italien (1950 und 2010), Brasilien (1966) und Frankreich (2002) bei ihrem vorzeitigen K.o. nicht.

Der 34-jährige Xavi, jahrelang das brillante Gehirn des spanischen Dominanzfußballs, saß versteinert nur auf der Ersatzbank - ein symbolisches Bild. "Wir waren auf dem höchsten Punkt, jetzt sind wir auf dem tiefsten", fasste Iniesta, gegen Chile blass bis zur Unkenntlichkeit, das nie für möglich gehaltene Aus noch vor dem letzten Gruppenspiel gegen die ebenfalls gescheiterten Australier zusammen. "Wir waren nicht in der Lage, hungrig zu bleiben", gab Iniestas einst kongenialer Mittelfeldpartner Xabi Alonso zu.

Mit seinem Fehler vor dem 0:1 durch Eduardo Vargas (20.) leitete der Star von Real Madrid die in der Höhe fast noch schmeichelhafte Niederlage ein. Charles Aranguiz machte vor 74 101 Zuschauern im Estádio do Maracanã und 13 Millionen TV-Fans allein in Spanien für die phasenweise wie entfesselt spielenden Chilenen alles klar.

"Ich hätte nie gedacht, dass wir die WM nach der ersten Runde verlassen würden", sagte del Bosque. Der 63-Jährige setzte voll auf die von ihm zusammengestellte Generation um Iniesta und Co. und schob den von vielen Experten bereits nach der EM 2012 in Polen und der Ukraine geforderten Umbruch ein letztes Mal auf. Ein Fehler, wie del Bosque schmerzhaft vor Augen geführt bekam. In sozialen Netzwerken mussten Spaniens Fußballhelden viel Spott ertragen. Statt Tiki-Taka heiße es jetzt taca-taca, ist dort etwa zu lesen. Tiki-Taka ist der berühmte Kombinationsfußball der "selección", taca-taca werden in Spanien Rollatoren genannt.