Magdeburg l Integriert, inkludiert, motiviert, respektiert... all diese Eigenschaftswörter gehen Alireza Kardooni alias Ali Ghardooni im fließendem Deutsch und mit einem Lächeln über die Lippen, schließlich ist das für ihn gelebter Alltag in Magdeburg und beim SCM. Weitaus mehr Probleme bereiten ihm dagegen noch immer Adjektive wie "heimatlos" oder "geduldet". Was vor allem daran liegt, dass dem 35-Jährigen bislang die Einbürgerung in seiner Wahlheimat Deutschland verweigert wird. Und das, obwohl er seit zehn Jahren hier lebt und bereits bei den Paralympics in Peking und London für Deutschland gestartet ist - jeweils mit vorläufigem deutschen Pass.

Doch über diese sport- politische Absurdität, die darin gipfelte, dass der Magdeburger vor den Spielen in London 2012 sogar auf einem riesigen Olympiaplakat überall im Land für "Unsere Besten" in Sachsen-Anhalt warb, zerbricht er sich nicht mehr den Kopf. Zumal sich der Kampf gegen bürokratische Windmühlen endlich zu lohnen scheint. "Das größte Problem war der fehlende iranische Pass. Den habe ich nun endlich - auch wenn dadurch aus dem Ali wieder der Alireza wurde", erklärt er mit Blick auf das Ausweis-Dokument aus Plaste. Den alten Namen nehme er aber in Kauf, "um irgendwann doch noch zu meinem Recht zu kommen". Er sei es leid, nicht zu wissen, wo er hingehöre. "Ich denke, ich habe mir den deutschen Pass nach zehn Jahren mehr als verdient", so der Diskus-Weltmeister von 2009 und WM-Dritte von 2011, der nunmehr auf eine schnelle Bearbeitung seines Antrages auf Einbürgerung hofft. Der liegt seit Juni bei der zuständigen Behörde der Stadt vor.

Kanu als neue sportliche Herausforderung

Dass seit kurzem die Wörter "Hochschule" und "Outrigger" zum Sprachgebrauch des SCM-Athleten gehören, sind wesentlich schönere Kapitel in der bewegten Lebensgeschichte von Alireza Kardooni. Denn das eine bedeutet für ihn eine berufliche Perspektive, das andere eine neue sportliche Herausforderung.

Nach Abschluss der Ausbildung zum Bürokaufmann beim Landessportbund verhalf die Kooperation des Olympiastützpunktes mit der Hochschule Kardooni zum Job als Sachbearbeiter im "International Office", wo er sich seit April um die Belange der ausländischen Studenten kümmert. "Das hat mit Hilfe des OSP und SCM super geklappt. Ich bin dankbar, dass ich mit offenen Armen empfangen wurde und nicht nur tolle Kollegen, sondern auch einen Arbeitgeber gefunden habe, der meinen Sport unterstützt."

Dass ihn dieser jetzt nicht mehr zu den Leichtathleten des Clubs führt, sondern ins Kanubootshaus an der alten Elbe, ist jedoch aus der Not heraus geboren. Zum einen sah sich Kardooni mit der Tatsache konfrontiert, dass der Diskuswurf in seiner Schadensklasse aus dem paralympischen Programm für Rio gestrichen wurde. Zum anderen brach sich der Sportler, der in jungen Jahren an Kinderlähmung erkrankte, im Januar bei einem Glatteis-Unfall das steifte rechte Bein. Wochenlang war er zum Nichtstun verurteilt. "Da hatte ich genügend Zeit, um mir Gedanken über meine sportliche Zukunft zu machen. Mein Anwalt hat mich dann auf den Outrigger aufmerksam gemacht, mit dem die Behinderten beim Para-Kanu starten. Das reizte mich, und so habe ich im März bei den SCM-Kanuten angeklopft."

Auch hier traf der gehandicapte Athlet "zum Glück auf Menschen, die mich mit Rat und Tat unterstützten". Allen voran sein neuer Trainer Herbert Laabs. Der kann nur Gutes über den Canadier-Anfänger sagen: "Ali ist aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen für den Sprint prädestiniert. Von Anfang an ist er mit vollem Elan, Eifer und Einsatz dabei, trainiert sogar siebenmal die Woche. Und er stellt sich, was die technischen Anforderungen betrifft, gar nicht mal so dumm an. Der Junge hat Potenzial und das Paddel wird langsam zu seinem Freund", so der 58-jährige Ex-Weltmeister, der zur Eingewöhnung mit Kardooni im Zweiercanadier saß. "In den letzten zehn Wochen habe ich dadurch so viel trainiert wie in den letzten zehn Jahren nicht".

Und auch Lutz Bengsch ist bereits ein Fan des Neuzugangs, der die notwendige Klassifizierung bereits über die Runden gebracht hat. "Ali ist ein Sportverrückter, seine Begeisterung ist ansteckend", so der Abteilungsleiter Kanu, der alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um ein konkurrenzfähiges Rennboot zu beschaffen. Das 3500 Euro teure "Geschoss" ist seit kurzem auf der Elbe unterwegs - und Alireza Kardooni als stolzer "Besitzer" mittendrin: "Rio ist das Ziel."

Es sieht ganz so aus, als gäbe es nach zehn Jahren doch noch ein Happyend für den Don Quichotte des deutschen Behindertensports.

   

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