Volksstimme: Sieben Freiwasser-Wettbewerbe, sechs Medaillen für den Deutschen-Schwimmverband (DSV): Damit wurde die Zielvorgabe gleich um zweimal Edelmetall übererfüllt. Das muss den Beckenschwimmern doch einen zusätzlichen Schub geben, oder Herr Lambertz?
Henning Lambertz: Es ist immer schön, wenn solch ein guter Auftakt bei den Freiwasser-Schwimmern schon fast wie gewohnt gelingt. Wir haben zwar diese Trennung zwischen Open Water und Becken, aber ich bin als Bundestrainer für beides gleichermaßen verantwortlich und freue mich, wenn wir die Zielvorgabe von insgesamt zehn Medaillen erreichen. Das heißt aber nicht, dass wir weniger Edelmetall im Becken gewinnen müssen.

Zuletzt wurde immer von den Etablierten wie Paul Biedermann aus Halle, Marco Koch aus Darmstadt, den Deibler-Brüdern aus Hamburg oder auch Dorothea Brand (Essen) und Franziska Hentke (SCM) als Medaillen-Hoffnungen gesprochen. Ist nach Ihren letzten Eindrücken noch mit Überraschungen zu rechnen?
Die Etablierten, wie ich sie immer nenne, machen ihren Job, und da bleiben auch die Eindrücke durchweg positiv. Außerdem gibt es im Perspektivteam noch einige Athleten, die in der europäischen Rangliste gut platziert sind, teilweise auch unter den Top-Acht. Sie haben sicherlich die Chance, das Finale zu erreichen. Ob es dann zu mehr reicht, muss man abwarten. Aber wir erwarten sicherlich nicht von jedem eine Medaille.

Wie wichtig ist Ihnen diese EM als Lehrveranstaltung auf dem Weg zu den Sommerspielen in Tokio 2020? Denn bis dahin eine mit der Weltspitze konkurrierende Mannschaft aufzustellen, ist ja Ihr vordergründiges Ziel.
Es ist ganz wichtig, jede Saison, ob gut oder schlecht, zu hinterfragen. Und wenn man mit dem Feedback von allen Beteiligten einschließlich der Athleten sich ein Gesamtbild gemacht hat, kann man nach und nach immer die Stellschrauben verändern, damit es in sechs Jahren in Tokio perfekt für uns läuft. Das ist ein langer Prozess, das sage ich immer wieder. Aber wir haben auch aus den Erfahrungen des vergangenen Jahres bereits viel gelernt und verändert - hoffentlich zum Positiven für die EM. Jetzt müssen wir die Ergebnisse abwarten.

Sie erklären alles so nüchtern. Bleiben Sie das auch während der EM oder steigt auch Ihr Puls mit dem ersten Vorlauf im Velodrom auf 180?
Auch wenn ich nach außen immer so ruhig wirke, bin ich selbst wahnsinnig aufgeregt, und es kribbelt tierisch. Ich betrachte es immer aus zwei Blickwinkeln: Das eine ist der formelle, der alles sachlich analysiert. Und das andere ist einfach der emotionale: das Herz, das für die Athleten schlägt. Es gibt nichts Schlimmeres für mich als traurige Gesichter bei einer Veranstaltung, die nur Freude vermitteln soll.

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