Berlin l Der Abendverkehr floss am Sonnabend gemütlich durch Berlin, die Menschen bereiteten sich auf eine Nacht voller Spaß und Frohsinn vor. Nur mittendrin im Getümmel, auf dem Bürgersteig an der Landsberger Allee und oberhalb des Velodroms, stand ein nachdenklicher Bernd Berkhahn, der über die Verunsicherung seines Schützlings sprach und der sich mit jeder Antwort zugleich auch eine Frage stellte. "Von der Ausbelastung war sie weit entfernt. Insgesamt kann man gar nicht einschätzen, wie schnell sie sein könnte", erklärte der SCM-Trainer nach dem Vorlauf und Halbfinale von Franziska Hentke über 200 Meter Schmetterling. 20 Stunden später hatte sich herausgestellt: Es ging nicht schnell genug für eine Medaille bei der Schwimm-EM.

Dafür hätte sie 39 Hundertselsekunden unter ihrer Bestzeit (2:07,67 Minuten) bleiben müssen. So belegte die Ungarin Katinka Hosszu (2:07,28) Rang drei hinter Judit Ignacio (2:06,66) und Siegerin Mireia Belmonte (beide Spanien), die einen neuen Meisterschaftsrekord mit fantastischen 2:04,79 Minuten aufstellte. Hentke wurde Sechste.

Womöglich war nicht allein die verpasste Medaille der Grund ihrer großen Enttäuschung. Hentke erklärte nach den beiden Rennen am Sonnabend das immer gleiche Gefühl: Sie dachte, sie würde schnell schwimmen, aber ihr Körper bremste sie aus. Dennoch glaubte auch sie nicht, ans Limit gegangen zu sein. Daran ging sie im Finale: "Ich habe mich auf der ersten Bahn eigentlich gut gefühlt, dann aber auch gemerkt, dass es hintenraus richtig schwer werden würde. Ich habe alles gegeben", sagte sie. Nach 150 Metern lag sie immer noch aussichtsreich auf Platz drei. "Aber auf den letzten 25 Metern bin ich zusammengebrochen", erklärte Hentke, ehe in der Mixedzone des Velodroms, wo Journalisten fragten und Athleten antworteten, ein betretenes Schweigen eintrat.

Geschwiegen hatte auch Johanna Friedrich gleich nach ihrem Rennen, dem Vorlauf über 400 Meter Freistil, den sie in 4:15,04 Minuten und als 14. beendet hatte. Nur ihre Tränen erzählten von ihren Gefühlen. "Mit 2:06 Minuten ist sie das Rennen zu langsam angegangen", so Berkhahn. Die 19-Jährige hätte allerdings schon weit unter 4:10 Minuten schwimmen müssen, um das Finale, das letztlich Jazmin Carlin (Großbritannien) mit 4:03,24 Minuten gewann, überhaupt zu erreichen. Friedrichs Bestzeit liegt bei 4:10,49 Minuten.

Letztlich war es ein schwarzer Sonntag, an dem der Deutsche Schwimmverband (DSV) im Becken medaillenlos blieb. Und an dem die 5000 Zuschauer im Velodrom öfter raunten als jubelten. Am Vortag jubelten sie nicht nur, sie tobten, sie feierten eine berauschende EM, als die 4x200-Meter-Freistilstaffel um den überragenden Paul Biedermann (Halle) Gold holte, als der 21-jährige Potsdamer Christian Diener über 100 Meter Rücken zu Silber schwamm. Offensichtlich waren damit Spaß und Frohsinn fürs deutsche Team aufgebraucht. Und beides wurde auch den Fans genommen, als die geplante Autogrammstunde mit den DSV-Athleten aus Sicherheitsgründen abgesagt wurde.