Magdeburg l Der Stachel der Enttäuschung saß bei Martin Wierig nach dem Desaster bei der EM tief. So tief, dass der Diskuswerfer, der im Vorkampf nicht über 60,82 Meter hinausgekommen war und als Elfter den Endkampf verpasst hatte, "sogar kurz darüber nachgedacht habe, die Saison sofort zu beenden und als ,eine für die Mülltonne` abzuhaken", gesteht der 27-Jährige.

Doch der SCM-Hüne hat sich "nach drei, vier Tagen", die er gebraucht habe, um die Niederlage zu verarbeiten und den Kopf freizubekommen, dann doch anders entschieden. Der Frust über das unerwartete Versagen am "Tag X" in Zürich (Wierig: "Es kam einfach alles zusammen - vier Dopingproben binnen kürzester Zeit, die ewig lange Verzögerung am Finalabend, der Regen, der Wind, grobe technische Fehler - es ging einfach gar nichts bei mir. Aber so ist der Sport.") wurde von der Sehnsucht nach einem versöhnlichen Saisonabschluss verdrängt. "Ich habe mir gesagt: Mit 60 Metern kannst du doch nicht aus der Saison rausgehen. Ich will es meinen Kritikern, aber vor allem mir selbst in den letzten beiden Wettkämpfen beweisen, dass ich`s besser kann. Dann kann ich auch mit einem guten Gefühl in den Urlaub gehen und an meinem neuen Heim werkeln", so der "Häuslebauer".

Teil I der "Mission Wiedergutmachung" gelang dem Magdeburger bereits gestern Abend, als er bei schwierigen Windbedingungen mit 64,47 beim Werfermeeting in Thum (Erzgebirge) dominierte. Am Sonntag beim ISTAF in Berlin, wo auch Europameister Robert Harting am Start sein wird, soll Teil II folgen.

Doch egal wie der Schlusspunkt aussieht, Martin Wierig weiß, dass es nicht heißen kann: Ende gut, alles gut. "Der Fokus bei uns Leichtathleten liegt nun mal auf dem Saisonhöhepunkt. Wenn es da in die Hose geht, bleibt das haften, und ich muss ein Jahr warten, bis ich das Ganze geradebiegen kann." Da seien die Handballer besser dran, findet der bekennende SCM-Fan. "Die haben nach einer Niederlage schon eine Woche später die Chance, sich zu rehabilitieren."

Dass im Umfeld (Verein und OSP) nach dem enttäuschenden Abschneiden Kritik laut geworden ist, kann der WM-Vierte des Vorjahres nachvollziehen: "Natürlich muss so ein Ergebnis wie das von Zürich aufgearbeitet werden, zumal es mich selber nervt, dass ich die EM vergeigt habe. Wogegen ich mich aber wehre, ist, dass nach einer nicht so tollen Saison meine positive Entwicklung im Athletik- und Kraftbereich außer Acht gelassen wird und stattdessen pauschal alles und jeder in Frage gestellt wird - sogar der Trainer."

Doch auf Armin Lemme, der ihn seit 15 Jahren betreut, will das Diskus-Ass nichts kommen lassen: "Ich bin nach wie vor der Meinung, dass er der richtige Trainer für mich ist. Seine Vorstellungen stimmen mit meinem Technik-Bild perfekt überein."

Wie wichtig der 58-jährige Coach für ihn sei, habe er gesehen, als Lemme im Frühjahr aus gesundheitlichen Gründen wochenlang ausfiel. "In der technikprägenden Phase habe ich 3000 Würfe ohne meinen Trainer machen müssen, da hat sich wohl doch der eine oder andere Fehler eingeschlichen", so Wierig, der gleichzeitig jedoch betonte, offen dafür zu sein, eingefahrene Gleise zu verlassen: "Aber nur gemeinsam mit dem Trainer. Wir werden ganz sicher nach neuen Reizen suchen und dann auch wieder erfolgreichere Zeiten erleben."