Magdeburg l Eines Tages also wird Bartosz Jurecki die Getec-Arena endgültig verlassen, seine Frau Magdalena an der rechten Hand, seine Tochter Agata an der linken. Sie werden ins Auto steigen, vom Parkplatz in Richtung Berliner Chaussee fahren, die Ampel wird auf Grün schalten. Und dann rauschen sie davon in ein neues Leben - das sie noch gar nicht wollten und auch nicht kennen. "Das ist nicht einfach für meine Familie", sagte Bartosz Jurecki am Mittwochabend.

An diesem Abend - nach dem Tag der Verkündung des SCM, nicht mehr mit Jurecki zu planen nach der Saison - hat er einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie die nächsten 15 Heimspiele verlaufen werden. Sie werden viel Himmel, aber auch ein wenig Hölle sein. Er wird erleben, wie "dieses geile, unglaubliche, fantastische Publikum, das es schon immer gewesen ist", ihm einen emotionalen Empfang bereitet - und wie zugleich dann sein Herz schmerzt. Auch Agata wird sich an diesen Moment gewöhnen. Am Mittwochabend fragte die Achtjährige ihre Mama: "Warum weint Papa?"

Papa hat geweint, weil er mal gesagt hat: "In Magdeburg werde ich meine Karriere beenden", erinnerte sich Jurecki nach dem 29:26-Sieg gegen Flensburg-Handewitt, "aber das schaffe ich nun nicht." Und er hat mal gesagt: "Magdeburg wird meine einzige Mannschaft in Deutschland sein", erinnerte er sich außerdem, "aber nun muss ich schauen, was für meine Familie gut ist."

Eine Entscheidung hat er bereits getroffen: Gut wird sein, "wenn ich noch ein paar Jahre spiele". Auch für den Traum von der Heim-Europameisterschaft 2016 in Polen, für die er bei einem Verein auflaufen muss. "Ich habe mit meinem Berater gesprochen, und wir sind auf der Suche. Welche Mannschaft oder welches Land es sein wird, das kann ich jetzt noch nicht sagen, der Zeitpunkt ist dafür noch zu früh." Und die Wunden noch zu frisch.

Seine Tochter hat inzwischen in der Schule verkündet: "Wir werden im nächsten Jahr aus Magdeburg weggehen." Agata, erzählte Jurecki, hat "hier unglaublich viele Freunde gefunden". Und deshalb sind zuletzt viele Tränen geflossen im Hause Jurecki. Aber Jurecki gehört wohl zu den loyalsten Akteuren, die das Profigeschäft hervorgebracht hat, selbst in der schwierigsten Phase des Vereins blieb er dem SCM und seinen Fans treu, was wiederum unvergessen bleiben wird. Über die Entscheidung des SCM sagte er: "Diese Entscheidung ist für jeden Spieler nicht einfach, und nicht jeder Spieler ist dafür bereit. Auch mir fällt die Situation natürlich schwer. Aber ich verstehe es, auch den Hintergrund, und ich akzeptiere es." Der Hintergrund ist der Verjüngungsprozess, den der SCM vorantreiben will - und dessen Weg selbst an einer Legende wie den 35-jährigen Bartosz Jurecki nicht vorbeiführt.

Eine Legende? Jurecki lächelte verlegen: "Das ist ein bisschen zu viel. Als ich mit meiner Frau hergekommen bin, haben wir gedacht, wir würden zwei, drei Jahre bleiben. Daraus werden nun neun Jahre. Und für mich ist das jetzt eine der besten Mannschaften der Welt. Ich hoffe, dass wir noch einiges schaffen können wie das Final Four um den deutschen Pokal. Ich werde für diese Mannschaft in jeder Sekunde, die ich spiele, alles geben, wie die Mannschaft mir viel gegeben hat."

Eines Tages aber, im Juni 2015, wird Jurecki mit seiner Familie davonfahren und die nächste Ausfahrt ins neue Leben nehmen. Eines Tages, wenn der SCM seinen Kreisspieler gebührend verabschiedet hat. Wenn er ihm - in welcher Form auch immer - ein Denkmal gesetzt hat. Namen sind im Profigeschäft oft genug nur Schall und Rauch, aber einer wie Bartosz Jurecki geht niemals so ganz.