Halberstadt (geg/ige) l 4000 Teilnehmer haben beim 22. Jungfrau-Marathon 1829 Höhenmeter aufwärts und 305 Höhenmeter abwärts bewältigt. 3727 davon erreichten das Ziel auf 2095 m unterhalb von Eiger, Mönch und Jungfrau, unter ihnen Irmgard und Gerald Eggert aus Halberstadt.

Im Sternzeichen Jungfrau geboren, wollte Irmgard Eggert nach mehr als 140 Marathons und Extremläufen einmal bei dem Berglauf, der als schönster, aber auch als härtester Marathon gilt, unterwegs sein. Im September 2014 wurde ihr dieser Wunsch erfüllt. Gemeinsam mit ihrem Mann stand sie an ihrem 63. Geburtstag im riesigen Starterfeld in Interlaken und erlebte mit ihm bereits hier eine von Tausenden Zuschauern getragene Hochstimmung. Nach Fahnenschwingen, Alphorn-Konzert und Nationalhymne setzte der Startschuss 4000 Läufer in Bewegung. Sie drehten eine drei Kilometer "Ehrenrunde", noch einmal vorbei an unzähligen Schaulustigen am Startplatz, die ihrer Begeisterung mit Applaus, Zurufen, Tröten und Rätschen Ausdruck verliehen. "Diese Atmosphäre ließ die Spannung abfallen, trug mich flott voran", erinnert sich Gerald Eggert.

Allerdings war er sich zu diesem Zeitpunkt gar nicht sicher, ob er den Lauf durchstehen wird. "Selbstverständlich wollte ich das Ziel erreichen, zudem unter dem Zeitlimit. Doch eine Knieverletzung hatte mir acht Wochen Trainingszeit geraubt. Zwei Wochen blieben für kleine Laufrunden und einen Run auf den Brocken. Sollte diese knappe Vorbereitung ausreichen?"

"Diese Atmosphäre ließ die Spannung abfallen"

Seine Frau hingegen hatte regelmäßiges Training und einige Läufe absolviert. Deshalb vereinbarten beide, dass sie als erfahrene Läuferin das Tempo angeben sollte. "Doch nach nicht einmal zehn Kilometern hatte ich meinen Rhythmus gefunden und ließ mich von dem Willen vorantragen, die erste Hälfte in einer guten Zeit zu absolvieren, um für die folgenden anstrengenden Bergkilometer genügend Zeitpuffer zu haben", so der Gelegenheitsläufer. Ein Traumwetter, jede Menge Schlachtenbummler mit ihrem "Hopp, hopp", die Festivalstimmung in den zu passierenden Orten und die Musikkapellen ließen die bevorstehenden Anstrengungen zeitweise in den Hintergrund rücken. Doch die Wirklichkeit holte auch die beiden Halberstädter bald ein. Etwa bei Kilometer 25 begannen die Steigungen, die viel Kraft forderten und erst in gut 17 Kilometern enden sollten.

So richtig hart wurde es an der "Wand von Wengen". Dort hieß es Atem fassen vor der wohl größten Herausforderung auf der gesamten Strecke. Auf den folgenden zwei Kilometern waren über 400 Höhenmeter zu überwinden, was einen durchschnittlichen Anstieg von über 20 Prozent bedeutet. "Es waren gefühlte 100 Prozent, die uns ausbremsten. Wir kannten die Tücken der Berge bereits vom Drei-Zinnen- und vom Zugspitz-Extremlauf, doch diese Passage machte allen echt zu schaffen", so Irmgard Eggert.

Von nun an häuften sich die Schilder mit den Kilometerangaben, sie standen in 250-Meter-Abständen. Auch die Distanz zwischen den Versorgungsständen verringerte sich. "Iso, Cola, Bouillon, Wasser, Bananen und Energy-Gels wurden angeboten. Ich ließ nichts aus, aß und trank, überzeugt davon, dass mir das helfen würde, den hammerharten Lauf durchzustehen", berichtet Gerald Eggert. Wurden bisher Wiesen, Weiden und Wald sowie Ortschaften durchquert, folgten nun mit der Baumgrenze schmale Pfade, die auf langen Abschnitten kein Überholen gestatteten. Hatte man schon geraume Zeit Eiger, Mönch und Jungfrau im Blick, ist man dem Dreigestirn der Berner Alpen nach gut 35 Kilometern richtig nah. Der Blick wechselt ständig vom Weg zu ihnen. "Das ist die schönste Entschädigung für die Anstrengungen", sind die Halberstädter überzeugt.

"Gern hätte ich einen Schritt zugelegt, aber Überholen war so gut wie unmöglich"

Zweieinhalb Kilometer vor dem Ziel sorgten Fahnenschwinger und Alphornbläser für aufbauende Stimmung. Die war notwendig, auch wenn das Ende des Laufes nahe war. Denn ein schmaler Pfad sorgte ab sofort für einen endlosen Stau und hinderte am Vorankommen. "Gern hätte ich einen Schritt zugelegt, doch Überholen war so gut wie unmöglich", so Gerald Eggert, der in einem Gipfelsturm-Rausch viel lieber auf das Ausbremsen verzichtet und etwas mehr Zeit herausgeholt hätte. Auch seine Frau empfand dieses Fuß-vor-Fuß-Setzen als zeitraubend. Dudelsackspiel kündigte den höchsten Punkt bei Kilometer 41 an (2205 m). Der von vielen Zuschauern gesäumte fast nur noch abfallende Schlusskilometer und das Ziel im Blick ließen zum Endspurt ansetzen.

Nach 5:48:25 Stunden nahm Gerald Eggert seine Finisher-Medaille auf der Kleinen Scheidegg (2095 m) entgegen: "In dem Moment hatte ich feuchte Augen. Ich war nicht nur froh, es geschafft zu haben, sondern auch stolz, von 2857 Finishern als 2197. angekommen zu sein. 190 hatten unterwegs aufgegeben. Auch der 78. Platz von 165 Startern in meiner Altersklasse M60 kann sich sehen lassen."

Elf Minuten später empfing er seine Frau. Sie hatte die Strecke in 5:59:07 Stunden zurückgelegt, platzierte sich damit von 870 Finisherinnen auf Platz 648 und in ihre Altersklasse W60 auf Platz 12 von 29. 73 Frauen waren auf der Strecke geblieben. Nach der Rückkehr vom Berg feierte sie nicht nur mit Hunderten Gleichgesinnten und einer AC/DC-Tributband die Jungfrau-Marathon-Farewell-Party, sondern auch ihren Geburtstag im riesigen Festzelt. "Es war ein anstrengender, aber fantastischer Lauf. So richtig einschätzen kann die Leistungen der Teilnehmer der Teilnehmer, der hier selbst unterwegs war", resümiert sie und nennt die Organisation, Betreuung sowie die Stimmung entlang der Strecke einzigartig.