Magdeburg/Köln l "Wenn alles unter Kontrolle zu sein scheint, dann bist du noch nicht schnell genug." Für jemanden, der wie die fünffache Paralympics-Siegerin Andrea Eskau dieses Motto seit Jahren im Trainings- und Wettkampfalltag lebt, sich selbst als "Geschwindigkeits-Junkie" bezeichnet und sowohl im Handbike als auch im Rennschlitten immer wieder Grenzen austestet, für den sind Stoppschilder oder rote Ampeln der blanke Horror.

Doch obwohl ihr die Ärzte gerade "absolutes Flugverbot" erteilt haben, zudem eine Operation der Ohren ansteht und sie somit sowohl das geplante Höhentraining als auch die ersten Weltcuprennen im Biathlon und Langlauf im Dezember verpassen wird, "fühle ich mich nicht ausgebremst", versichert die 43-Jährige. Aus gutem Grund: Die in Köln-Bergheim beheimatete Spitzenathletin vom USC Magdeburg, die 2014 ihrer unendlich scheinenden Erfolgsgeschichte trotz großer gesundheitlicher Probleme mit zweimal Gold in Sotschi und den WM-Titeln im Straßen- und Zeitfahren im Sommer weitere Kapitel hinzufügen konnte, hat ihre Lektionen gelernt. Und sie weiß inzwischen: "Weniger ist eben doch manchmal mehr." Irgendwann fordere die Gratwanderung im Hochleistungssport ihren Tribut. "Und auch wenn ich versucht habe, die Signale, die der Körper sendet, zu ignorieren, dann weiß zumindest der liebe Gott, was er tut ...", ist sich Andrea Eskau sicher.

Und so kann sie solche Auszeiten wie zuletzt, als sie ihre Trainings-Vorbereitung auf die Nordische Ski-WM Ende Januar in Cable/USA "einfach mal unterbrochen" hat, um mit ihrer Lebensgefährtin dem Festball anlässlich des 60. Jubiläums des USC Magdeburg beizuwohnen, "sogar richtig genießen - solange meine Miri dabei ist", verriet die Asketin am Rande der Feierlichkeiten im Parkhotel.

Ohne die Lebensgefährtin, gesteht Eskau, "wäre ich nicht das, was ich heute bin. Auch Behindertensport auf dem professionellen Niveau, auf dem ich es nun mal betreibe, funktioniert nicht ohne den Rückhalt in der Familie. Und die Miri ist immer für mich da und hält mir bei allem den Rücken frei. Dafür kann ich ihr nicht genug danken."

Das klingt fast wie ein Heiratsantrag. Aber auf den wartet Amira Antar, die mit der in Sotschi an einer schweren Bronchitis erkrankten Freundin derart mitgelitten hat, dass sie drei Kilo abgenommen hatte, bislang vergeblich. "Ich habe zu Miri in Sotschi gesagt, wenn ich hier mein sechstes Paralympic-Gold gewonnen hätte, dann hätte ich Dir einen Antrag gemacht ...", erzählt die Ausnahmeathletin mit einem Augenzwinkern.

Andere würden sich wohl spätestens an dieser Stelle damit anfreunden, in "wilder Ehe" alt werden zu müssen. Amira jedoch muss sich keine Sorgen machen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Freundin 2016 bei den Paralympics in Rio auf dem obersten Treppchen steht, ist groß. "Auch wenn aufgrund des großen Trainingsausfalls der Abstand zur Konkurrenz bei der WM nicht mehr so groß war wie sonst, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass ich auch in zwei Jahren ganz oben stehen kann, würde ich die Quälerei im Training nicht auf mich nehmen", sagt Diplompsychologin Eskau, die sich und ihrer "Miri" zudem noch ein Hintertürchen auf dem Weg zum Standesamt offen lässt: "Wenn`s in Rio nicht mit Gold klappt, dann vielleicht 2018 in Pyeongchang."