Magdeburg l Wie er da so schlaff im Stuhl lümmelt, die Herbstsonne genießt und gedankenversunken in einem Tee mit frischer grüner Minze rührt, sieht Robert Stieglitz nicht gerade aus, als ob er vor Kraft nur so strotzt, sondern eher wie ein müder Krieger. Kein Wunder, der Magdeburger kommt gerade vom Training.

Und das heißt, nur leicht gesüßte Getränke ist das Einzige, was sich der Ex-WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht (bis 76,2 kg) zum Mittag gönnt. Die Aussicht, dass es nach dem Sparring abends "nur Salat" geben wird, ist auch nicht gerade aufbauend: "Ich kann kein Grün im Kühlschrank mehr sehen", jammert der buchstäblich am Hungertuch nagende SES-Profi.

Sieger steigt gegen Abraham in den Ring

Die knüppelharte Vorbereitung, minutiös bis hin zur Taktik ausgetüftelt von SES-Cheftrainer Dirk Dzemski, hat Spuren hinterlassen. Und Stieglitz muss sich eingestehen: "Mit 33 stecke ich das alles nicht mehr so locker weg wie früher." Physisch fühle er sich zwar top-fit, aber der Verschleiß mache sich doch langsam bemerkbar. "Mal zwickt es hier, mal zwackt es da. Vor allem aber merke ich, dass ich mehr Zeit für die Regeneration brauche."

Zu allem Überdruss muss der Magdeburger auch noch Gewicht machen, denn der Kampf zwischen Sturm und ihm findet im "Catch-Weight" statt. Im konkreten Fall heißt das: Beide Lager haben sich auf ein Kampfgewicht von 75,5 Kilo geeinigt. "700 Gramm mehr abkochen als sonst, das hört sich leichter an, als es ist. Aber ich denke, ich kriege das hin. Bei einem Sparring nehme ich schnell mal zwei Kilo ab. Das Schwerste ist, in der Woche vor dem Kampf, wo nur noch wenig trainiert und geschwitzt wird, das Gewicht zu halten", weiß Stieglitz aus Erfahrung.

Dass es diesmal "um alles oder nichts" geht, macht die Sache nicht einfacher. Nur dem Sieger winkt das Duell gegen den aktuellen WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht, Arthur Abraham. "Jeder von uns beiden weiß: Der Verlierer ist weg vom Fenster. Und mir ist auch bewusst, dass ich noch mehr als Felix zu verlieren habe, denn ich riskiere meine Position als Nummer eins der Weltrangliste. Aber damit habe ich kein Problem."

Stieglitz sauer auf Felix Sturm

Auch, dass der Box-Sender Sat.1 den Kampf seiner beiden bisherigen Aushängeschilder initiiert hat und es dabei zwangsläufig zu einer natürlichen Selektion kommen wird, nimmt Stieglitz seinem TV-Partner nicht übel: "Ich nehme das nicht persönlich, sondern betrachte das Ganze als Teil des Geschäfts." Außerdem muss der Kuchen künftig auch noch mit dem Sauerlandstall geteilt werden, die Stücke würden also eh kleiner werden. "Außerdem will sich Sat. 1 als Boxsender mit hochklassigen Kämpfen profilieren, da kommt es eben zu einer solchen Konstellation. Und Stieglitz gegen Sturm - das hat definitiv Klasse, das wollen die Leute sehen."

Weniger Verständnis hat Stieglitz indes für das Getöne von Felix Sturm. "Was er von sich gibt, ist arrogant und respektlos." Der 35-Jährige, der im Juni seinen WM-Gürtel im Mittelgewicht nach Version der IBF an Pflichtherausforderer Sam Soliman verloren hatte, protzt damit, sich "selten vor einem Kampf so gut gefühlt" zu haben wie diesmal. Und Sturm geht auch verbal unter die Gürtellinie. In der "Sport-Bild" lästert er: "Robert Stieglitz ist kein Supertechniker. Er kann nicht viel, aber das sehr gut. Er kann kämpfen."

Stieglitz hält dagegen: "Wir werden ja sehen, wer hier boxerisch limitiert ist. Die Sticheleien gehören zwar zur Show dazu, aber ich sehe es als meine Pflicht an, Felix für seine große Klappe zu bestrafen. Und ich sage nur soviel: Ich habe noch viel vor. Und jede Runde, die ich Felix im Ring gegenüberstehe, ist eine Runde zuviel." So klingt für wahr kein Boxer, der satt ist.