München l Die Juniorsuite des Hotels Dolce Munich in Unterschleißheim war Samstagnacht verwaist. Robin Krasniqi, der als Zugpferd der SES-Boxgala eine Woche lang dort logieren durfte, wo sonst die millionenschweren Stars des FC Bayern München regelmäßig einkehren, hätte nach der Zwölf-Runden-Schlacht gegen den Polen Dariusz Sek eigentlich todmüde in das Kingsize-Bett fallen müssen. Zumal der Punktsieg Schwerstarbeit war, auch wenn sich das nicht unbedingt in der Wertung niedergeschlagen hatte (116:112, 116:112, 115:113).

Doch der Deutsch-Kosovare konnte nicht schlafen, besser gesagt, er wollte es nicht: "Ich möchte diesen Moment genießen und mache durch bis morgen früh", war der 27-jährige Münchner um Mitternacht völlig aufgedreht. "Es war immer mein Traum, einmal in meiner Heimat zu boxen. Der Traum ist in Erfüllung gegangen und der Sieg ein Grund zum Feiern." Und er wollte das mit den vielen Freunden aus Deutschland und dem Kosovo tun, "die extra den weiten Weg gemacht haben, um mich zu unterstützen. Meine Fans haben mir in schwierigen Phasen des Kampfes Kraft gegeben und zum Sieg verholfen", erklärte Krasniqi nach dem "Heimspiel" vor 2500 Zuschauern.

Der Bayerische Wald ruft

Auch wenn nach der erfolgreichen Verteidigung seiner Titel als Interconti-Champion der WBA und Internationaler Meister der WBO im Halbschwergewicht im dröhnenden Kopf vieles umherschwirrte, Krasniqi hatte ganz klare Vorstellungen davon, wie es jetzt weitergeht. Denn die nächste ultimative Herausforderung hat bereits ein neues Feuer in seinem Kämpferherz entfacht: In knapp drei Monaten winkt das Duell gegen WBA-Weltmeister Jürgen Brähmer. "Zuallererst fülle ich meinen leeren Magen mit allen ungesunden Dingen dieser Welt", grinste er. Danach feiere er Weihnachten im Kosovo und Silvester mit der Familie in Deutschland. "Und dann schalte ich mein Handy ab. Ich verschanze mich im Bayerischen Wald, trainiere bis zum Umfallen, hole mir in Magdeburg den letzten Schliff und melde mich am 21. März wieder zurück im Ring." Das Ganze diene nur einem Ziel: "Ich will Weltmeister werden. Und wenn ich Brähmer herausfordern will, muss ich in der Form meines Lebens sein."

Dabei war schon Dariusz Sek eine harte Nuss: schnell, wendig, clever und immer im Vorwärtsgang. Krasniqi bezeichnete den 28-jährigen Polen im Anschluss an den hochklassigen Kampf als "Herausforderer mit Weltmeister-Niveau". Er hatte sich in weiser Voraussicht einen Rechtsausleger wie Brähmer es ist, zum Gegner gesucht. Den ersten seit sechs Jahren. Und er hatte Mühe, seine gefürchteten rechten Aufwärtshaken bei dem Polen anzubringen, musste viel einstecken und ans Limit gehen. Das hatten viele Boxfans im Ballhausforum, darunter auch die von SES eingeladenen FCM-Kicker Christian Beck und Marius Sowislo, "so nicht erwartet". Insider wie Promoter Ulf Steinforth schon: "Wir wussten, dass Sek brandgefährlich ist. Und das hat er heute auch gezeigt."

Bösel mit Bilderbuch-K.o.

Weniger schwer tat sich dagegen Dominic Bösel. Der 25-jährige Kapitän des in München durchweg erfolgreichen "Team Deutschland" lieferte bei der Verteidigung seines WBO-Interconti-Titels gegen den Franzosen Mohamed Merah sein Meisterstück ab. Zum Bilderbuch-K.o. in der 2. Runde sagte Steinforth: "Das war so was wie das Tor des Jahres. Ich habe selten so ein Ding gesehen." Zwar sei in der Vergangenheit nicht alles wunschgemäß verlaufen, "aber das war heute der Befreiungsschlag. Mit diesem Signal hat Dominic gezeigt, dass er zu Recht der Leader ist. An ihm können sich die Jungs orientieren." Auch der nunmehr in 17 Profikämpfen ungeschlagene Halbschwergewichtler strahlte wie ein Honigkuchenpferd zu Weihnachten: "Die Vorbereitung war perfekt. Ich war noch nie so gut drauf wie diesmal. Natürlich kann man so einen K.o. nicht planen, der kommt einfach, wenn alles stimmt. Das war heute offensichtlich der Fall."