Magdeburg/Durham l 125 High Street - das ist eine der angesagten Adressen in Boston. Hier steht ein Wolkenkratzer wie aus dem US-amerikanischen Bilderbuch. 137 Meter misst der verglaste Büroturm. Auch PricewaterhouseCoopers (PwC), eine Gesellschaft für Wirtschaftsprüfungs-, Steuer- und Unternehmensberatung, hat hier einen ihrer Hauptsitze. In dem Netzwerk von Firmen in 157 Ländern sind über 195 000 Mitarbeiter beschäftigt. Über Stockwerke hinweg reiht sich Bürotür an Bürotür. An einer von ihnen steht: Manuela Lutze, Steuerdirektorin.

Doch nur die wenigsten in dem riesigen Unternehmen wissen, dass die 1,85 Meter große Frau in dem dunklen Hosenanzug aus Deutschland stammt. Und noch weniger wissen wohl, dass die 40-Jährige einst eine der besten Ruderinnen ihrer Zeit war: Juniorenweltmeisterin, zweifache Olympiasiegerin und fünffache Weltmeisterin. "Klar, mein engster Kollegenkreis und die Chefs, die mich 2009 geholt haben, wissen natürlich schon, wer und was ich bin. Aber die sportlichen Erfolge von einst zählen im Beruf eh nicht mehr viel. Da interessiert nur, ob du deine Arbeit ordentlich und gewissenhaft machst", berichtet die gebürtige Blankenburgerin.

Und die Ex-Ruderin, die im internationalen Geschäft tätig ist und zahlreiche amerikanische Mandanten betreut und berät, die ihr Geld im Ausland investieren, arbeitet sehr viel und sehr lange. "Mein Job ist wirklich sehr anspruchsvoll und zeitintensiv. Ich muss ungeheuer flexibel sein. Da gibt es schon Tage, da bin ich an die 14 Stunden auf den Beinen", gesteht die Diplomkauffrau. Die Stunde Fahrzeit mit dem Auto von Durham/New Hampshire, wo sie ein Haus gemietet hat, zur Arbeit in Boston und abends wieder zurück seien dabei noch nicht einmal mit eingerechnet.

Bei diesem Arbeitspensum bleibt der Harzerin nur wenig Zeit, um das Leben an der Küste und dem Wasser, das sie nach wie vor so sehr liebt, zu genießen. Ehemann Christian, der sich in einem kleinen Familienunternehmen in Durham mit großer Leidenschaft dem Bootsbau widmet, und Labrador "Floyd" bekommen sie oft tagelang nicht zu Gesicht. "Und beim Thema Sport bekomme ich ein ganz schlechtes Gewissen. Wenn, dann jogge ich mal." Auch das mit dem eigenen Nachwuchs habe sich "irgendwie nie ergeben ..."

Dennoch, Manuela Lutze ist mit Leib und Seele Steuerberaterin. "Ich arbeite wirklich gerne bei PwC. Die Arbeit ist nie langweilig, und ich lerne immer wieder neue und interessante Leute kennen. Und dass ich einst im Leistungssport gelernt habe, mich zu konzentrieren und auf ein Ziel zu fokussieren, hilft mir bei meiner Arbeit ungemein. Ich kann gut mit Zeitdruck umgehen, behalte die Kontrolle und Übersicht - damit habe ich vielen meiner Kollegen vielleicht etwas voraus."

Doch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten heimisch zu werden, das ging nicht von heute auf morgen. "Es gab schon Zeiten, da hatte ich Heimweh, und ich habe mit dem Gedanken gespielt, wieder zurückzukommen", gesteht Lutze. Und das nicht nur wegen des fehlenden Quarks ("Den kennt man hier gar nicht, ebenso wie viele Gewürze.") oder der anfänglichen Sprachhürden. "Das Fach-englisch war nicht das Problem, obwohl ich bis heute noch in Deutsch rechne. Probleme hatte ich eher mit der Umgangssprache und dem New-Hampshire-Dialekt."

Doch auch im zwischenmenschlichen Bereich trafen anfangs zwei Welten aufeinander. Um zu verstehen, wie die "Amis" ticken und was diese als "typisch deutsch" empfinden, habe der Ex-Ruderin ein bildlicher Vergleich geholfen, den ihr der Kultur- und Sprachtrainer von PwC damals mit auf dem Weg gegeben hat. "Amerikaner sind wie Pfirsiche: Weiche Schale, harter Kern. Die Deutschen sind wie Kokosnüsse: Harte Schale, weicher Kern. Und genauso ist es."

Sechs Jahre später fühlt sich Manuela Lutze in ihrer Wahl-Heimat USA pudelwohl. Und sie hat sich daran gewöhnt, dass beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln sich wildfremde Menschen neben sie setzen und über Gott, die Welt und ihre Familie plaudern, bis sie aussteigen - "einfach, weil sie das besser finden, als sich eine Stunde lang anzuschweigen". Die vielen Vorurteile über die Amerikaner, die gern als oberflächlich, prüde oder übergewichtig bezeichnet werden, ärgern sie: "Man sollte nicht alle über einen Kamm scheren - es gibt wie überall solche und solche. Das Land ist riesengroß, die Unterschiede auch. Gerade im Nordwesten, wo wir leben, sind die Menschen sehr warmherzig, umgänglich und weltoffen."

Nicht zuletzt deshalb steht eine baldige Rückkehr nach Deutschland derzeit nicht zur Debatte: "Anfangs war das Ganze auf zwei Jahre ausgelegt. Christian und ich wussten ja nicht, ob das Abenteuer gutgeht. Aber wir hatten unheimlich Glück und haben hier einen tollen Freundeskreis gefunden."

Wie lange sie bleiben, hänge eben auch davon ab, wie es mit den in Deutschland lebenden Eltern weitergeht. "Wenn sie eines Tages unsere Hilfe brauchen, dann muss neu überlegt werden", weiß Lutze, die froh und glücklich über die Erfindung des Skypens ist. "Das bringt uns natürlich einander näher, und wir sind immer auf dem Laufenden, was in der Heimat der Kokosnüsse so passiert."

 

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