Magdeburg l Wenigstens Johanna Friedrich hat einen Vorteil: Sie bereitet sich seit Oktober auf die Langbahn-Saison mit deutschen Meisterschaften und WM vor, intensiv und vor allem gesund. "Sie steht bei zirka 90 Prozent ihres Leistungsvermögens", schätzte ihr Trainer Bernd Berk-hahn ein. Die 19-Jährige vom SC Magdeburg kann deshalb optimistisch nach vorn blicken.

Andere sind dagegen weniger gesund durch die Vorbereitung gekommen, andere haben zudem die Kurzbahn-Saison absolviert. Und diese anderen geraten beim Formaufbau für die Langbahn nun in Rückstand, weil sie bereits vom 9. bis 12. April bei den deutschen Meisterschaften in Berlin um die Norm für die WM in Kazan (Russland/24. Juli bis 9. August) schwimmen müssen - drei Wochen früher also als in den vergangenen beiden Jahren. Das Fernsehen will es so. Zu den anderen gehört zum Beispiel Franziska Hentke.

Für Hentke (25) ist das Jahr bislang durchwachsen gelaufen, zwei Infekte haben sie zur Pause gezwungen, den jüngsten viralen Infekt hat sie zumindest beinahe ausgestanden. "Ich bin bei fast 100 Prozent und werde in Spanien voll ins Training einsteigen können", sagte der SCM-"Schmetterling" vor dem heutigen Start ins dreiwöchige Höhentrainingslager von Sierra Nevada, zu dem Berkhahn mit sieben Magdeburgern aufbricht.

Öffentlich-rechtliches Fernsehen diktiert Wettbewerb

Ob Husten, Schnupfen oder Heiserkeit: Der frühe Termin für die deutschen Meisterschaften steht dennoch. Und wie Berkhahn und wohl alle anderen Stützpunktcoaches findet auch Henning Lambertz, Bundestrainer des Deutschen Schwimmverbandes (DSV), den Zeitpunkt nicht optimal.

Trotzdem müssen sich alle der Vorgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens beugen, an jenem Wochenende passt die Übertragung aus Berlin am besten ins Programm. "Und damit müssen wir professionell umgehen", sagte Lambertz. Eine sechsstellige Summe soll nach Volksstimme-Informationen an den DSV aus dem TV-Vertrag gezahlt werden - sechsstellig im unteren Bereich. DSV-Präsidentin Christa Thiel war dazu am Freitag nicht zu erreichen.

"Damit müssen wir professionell umgehen." - Henning Lambertz, Bundestrainer

Lambertz ist im Dezember 2012 als Chefcoach vorgestellt worden, vier Monate nach dem ersten medaillenlosen Auftritt der Beckenschwimmer bei Olympia seit 80 Jahren. Wer mit Lambertz gesprochen hat, weiß um seine Sorge, aber auch um seinen Kampf für die Athleten. Wer seinen Werdegang verfolgt hat, erkennt seine Vision und Handschrift. Er fördert den Nachwuchs, er fordert aber auch finanzielle Unterstützung ein. "Wir brauchen Pulver, um schießen zu können", ist einer seiner Leitsprüche. Nur den Termin für die nationalen Titelkämpfe kann auch er nicht ändern. Deshalb gilt für 2015: Der frühe Schwimmer fängt die WM-Norm.

Olympische Sommerspiele als Startfaktor

"Als Bundestrainer gebe ich den Rahmenplan für die Saison vor. Ich hätte mir gerne den Termin für die deutschen Meisterschaften Ende April gewünscht. Nun sind es drei Wochen weniger zur WM-Qualifikation. Und die Normen werden immer härter", meinte Lambertz. Genau das war auch sein Plan, als er den Posten angetreten hat.

Zur WM 2013 wollte er mit flacheren Vorgaben ein großes Aufgebot an den Start bringen - 28 Athleten nahmen letztlich teil, Marco Koch (Darmstadt) holte mit Silber über 200 Meter Brust die einzige Medaille. Auch zur WM 2015 "würde ich am liebsten alle Disziplinen besetzen". 40 Entscheidungen stehen in Kazan an. "Das wird aber immer schwieriger."

Es wird auch deshalb schwieriger, weil es nicht mehr allein um Zeiten geht. "Es ist nicht mehr so, dass ein Schwimmer die Norm erreicht und damit automatisch qualifiziert ist für die WM", sagte Lambertz, der "noch weniger Ausnahmen machen" wird als den Jahren zuvor. Neben der vorgegebenen Zeit sind es weitere Faktoren, die der 44-Jährige in seine Entscheidung einfließen lässt: Zum einen ist es die individuelle Leistungsentwicklung des Athleten, zum anderen ist es seine Chance auf die Sommerspiele 2016 in Rio.

Die Athleten selbst können diese Faktoren nicht mehr beeinflussen, sie können "nur" die Norm erreichen. Aus SCM-Sicht gibt es dazu neben der Genesung Hentkes noch diese gute Nachricht: Johanna Friedrich schwamm zuletzt in Luxemburg über 400 Meter Freistil in 4:11,58 Minuten nur um 88 Hundertstel an der DSV-Vorgabe für Kazan vorbei - Vorteil genutzt.