Sigulda/Magdeburg l Womöglich konnte man das Raunen im beschaulichen Ilsenburg kilometerweit hören: Etwa 30 Fans von Toni Eggert (26) und Sascha Benecken drückten am Sonnabendmorgen im Restaurant "Zu Den Rothen Forellen" dem Doppelsitzer die Daumen. Doch zum erhofften Jubel fehlte der Erfolg. "Sie haben zu viele Fehler gemacht", sagte Jens Eggert, der Chef des Rodel- und Bobverbandes Sachsen-Anhalt und der Onkel des Piloten. "Natürlich ist ihr Schlitten superschnell", erklärte der 51-Jährige, "aber man muss diesen Vorteil auch ins Ziel bringen."

Das haben Eggert/Benecken bei der Rodel-Weltmeisterschaft in Sigulda nicht geschafft: Mit dem vierten Rang und 0,369 Sekunden Rückstand auf die erneuten Weltmeister Tobias Wendl/Tobias Arlt (Berchtesgaden/Königssee) blieb das Duo weit hinter den eigenen Erwartungen zurück. "Wir hatten den schnellsten Schlitten im Feld und haben es verschenkt. Wenn man die ganze Saison nie schlechter als Zweiter ist, und dann Vierter wird, ist das schon sehr schmerzhaft", sagte Benecken, der sich seinen 25. Geburtstag an jenem Tag anderes vorgestellt hatte, der dpa. Bundestrainer Norbert Loch meinte in der ARD: "Wir wussten, dass es eine enge Kiste werden würde, Sigulda ist hier gerade für Doppelsitzer eine sehr anspruchsvolle Bahn. Und wenn man wie Eggert/Benecken im oberen Teil Zeit verliert, hat man keine Chance mehr."

Jens Eggert blickte derweil zurück: "Im Trainingslager in Sigulda im November hatten sie noch eine halbe Sekunde Vorsprung auf Wendl/Arlt." Doch die Olympiasieger von Sotschi, die bei der Siegerehrung zunächst versehentlich die DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen" auf die Ohren bekamen, hatten im Weltcup nach und nach aufgeholt. Drei Rennen vor dem Saisonende liegen sie in der Gesamtwertung nur 55 Punkte hinter Eggert/Benecken - und die Bayern haben nun den psychologischen Vorteil.

Wendl/Arlt gewannen mit Felix Loch (Berchtesgaden), der am Sonntag Silber mit 0,071 Sekunden Rückstand auf Weltmeister Semen Pavlichenko (Russland) holte, und Natalie Geisenberger (Miesbach) außerdem noch die Teamstaffel.

Geisenberger, die dominante Rodlerin der vergangenen drei Jahre, hatte erwartungsgemäß Gold bei den Frauen gewonnen. Mit 0,316 Sekunden Vorsprung auf die Zweite Russin Tatjana Ivanova, mit 0,321 Sekunden auf die Dritte Tatjana Hüfner. Die 31-jährige Hüfner strahlte danach in die Kameras, mit viermal Gold, einer Silber- und einer Bronzemedaille im Einzel ist die Blankenburgerin erfolgreichste WM-Starterin aller Zeiten.

Hüfner hatte nach dem ersten Durchgang noch auf Platz zwei gelegen vor Ivanova. "Ich habe aber durch einen Fehler am Start im zweiten Lauf verloren", berichtete sie der Volksstimme. "Aber gerade nach dem bisherigen Saisonverlauf ist der dritte Platz einfach super." Ihr bestes Weltcup-Ergebnis im Winter war bislang ein zweiter Platz.

Nach ihrer Fahrt zu Bronze kam für sie der Moment, einem langjährigen Weggefährten Danke zu sagen: "Danke Scholzer! für 18 wunderbare und erfolgreiche Jahre", stand in schwarzer Schrift auf weißem Shirt, das sie den Fotografen entgegenhielt. Wolfgang Scholz hatte in Sigulda "noch einen letzten Auftrag", so Hüfner. Seitdem sie als 13-Jährige zur Sportschule nach Oberwiesenthal gewechselt war, wurde sie vom Thüringer Chefmechaniker betreut. Nach Olympia 2014 in Sotschi und 40 Jahren im Amt hatte sich der "Herr der Schlitten" in den Ruhestand verabschiedet.