Magdeburg lVor seinem geistigen Auge fährt Christopher Grotheer die Bahn in Winterberg ab. Sie ist 1330 Meter lang, sie ist mit 15 Kurven gespickt. Aber als Skeletonpilot kann man schon am Start alles gewinnen oder alles verlieren. "Und da ich am Start nicht ganz dran bin an der Weltspitze, hoffe ich einfach, bei der WM nicht noch mehr zu verlieren", sagt Grotheer. Erst sprinten, dann springen und kopfüber in den Eiskanal. "Mit dem geringsten Aufwand muss der Schlitten dann auf die Ideallinie gebracht werden."

Er rauscht weiter bis zum ersten Kreisel. "Und bis dahin gilt: am besten nicht atmen." Im Kreisel muss er das optimale Tempo aus dem oberen Teil mitnehmen, im unteren Teil wird der Kanal zur Hochgeschwindigkeitsbahn, auf der bis zu 140 Kilometer pro Stunde erreicht werden. Und jede Hundertstelsekunde zählt. Das weiß Grotheer, in seiner ersten Weltcup-Saison vor zwei Wintern tickte die Uhr für ihn in Winterberg: Ein dritter Rang war seine bislang beste Platzierung im Feld der Elite.

Grotheer startet für BSR Oberhof, er kommt aus Wernigerode. Man möchte ihm ob seiner erst 22 Jahre oft Geduld mit sich selbst empfehlen, aber der Ehrgeiz treibt ihn vor sich her. "Manchmal bin ich vielleicht zu ehrgeizig", hat er oft gesagt. Manchmal hat ihm das vielleicht ein besseres Ergebnis auf den Bahnen dieser Welt verwehrt.

Aber in dieser Saison ist einiges anders: Grotheer ist der international erfahrenste der drei Herren im Skeleton-Team des Bob- und Schlittenverbandes (BSD) bei der Weltmeisterschaft in Winterberg, die für ihn am Sonntag mit dem Teamwettbewerb (Skeleton/Bob) beginnt. Und mit seiner Erfahrung hat er vor zwei Wochen die Junioren-WM in Altenberg gewonnen - sowie mit neuem Schlitten. "Den wollte ich eigentlich gar nicht. Ich hatte mich auf dem alten sehr wohlgefühlt, aber als beim Weltcup in Königssee das Training schlecht lief, musste ich über meinen Schatten springen und den neuen nehmen", berichtet er lächelnd. Ohne jegliche Vorübung war Grotheer Mitte Januar auf den fünften Platz gerauscht, danach wurde er bei der Europameisterschaft in La Plagne (Frankreich) sogar Vierter. "Ich bin sofort mit dem Schlitten klargekommen", betont er. "Und meine Leistungen gehen stetig bergauf."

Der neue Schlitten nimmt mehr Tempo mit

Der neue Schlitten ist steifer, er nimmt mehr Tempo mit, er ist aber schwerer zu lenken, das ist das Risiko. Und letztlich muss auch er wie das "weichere Modell" von Grotheer zunächst in die Spur gebracht werden. Er hat oft darüber philosophiert, warum er den Besten am Start wie Martins und Tomass Dukurs (beide Lettland) oder Alexander Tretjakow (Russland) ein wenig hinterherhinkt. Letzterer hält mit 4,78 Sekunden den Startrekord in Winterberg. Beim Gewinn seines zweiten Junioren-Weltmeistertitels nach 2013 allerdings "bin ich mit persönlicher Bestzeit gestartet", erklärt Grotheer. Und zwar in 5,08 Sekunden. Diese WM hat ihm auf dem Weg nach Winterberg zusätzliches Selbstvertrauen gegeben.

Seine positive Entwicklung hat nicht nur mit seinem Wohlbefinden unter den jungen Athleten, die sich nach einem Umbruch im BSD-Team nun beweisen müssen, zu tun, sondern auch mit seinen neuen Trainern René Hoppe und Christian Baude: der eine ist fürs Fahren und fürs Material, der andere für die Athletik zuständig. "Sie sind bei den Wettkämpfen immer dabei", berichtet Grotheer, dessen Einzelwettbewerb über vier Wertungsläufe am Donnerstag und Freitag nächster Woche gestartet wird.

Und obwohl Grotheer in dieser Saison nun gezeigt hat, dass er in der Top Fünf mitfahren kann, definiert er seine Ambitionen in Winterberg nicht über eine Platzierung: "Ich will meine Leistung bringen, einfach konstant gut fahren, bei vier Läufen ist das gar nicht so einfach." Viermal sprinten, springen, kopfüber in den Eiskanal - und atemlos durch Winterberg.

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