Kontiolahti/Magdeburg l Franziska Hildebrand kam als Letzte zur Siegerehrung, sie lächelte gequält, sie weinte mit den Augen. Sie hatte sich zuvor im Wachshaus verschanzt, vermutlich saß sie zusammengekauert in einer Ecke. Wirklich niemand konnte die 27-Jährige aus Köthen am gestrigen Sonntag nach dem letzten Frauen-Rennen bei der Biathlon-Weltmeisterschaft zunächst trösten. Umso mehr Mitgefühl zeigte ARD-Expertin Kati Wilhelm, selbst dreifache Olympiasiegerin: "Das tut mir wahnsinnig leid für sie, sie hätte eine Medaille verdient gehabt."

Es war das Drama unter vielen deutschen Glücksmomenten in Kontiolahti (Finnland), bei strahlendem Sonnenschein und Windstille außerdem. "Eine Medaille wäre die Krönung für mich gewesen", erklärte Hildebrand am frühen Abend der Volksstimme. Sie lief auf Platz sechs im Massenstart über 12,5 Kilometer, sie schoss dabei fehlerfrei: "Endlich mal, und ich hatte mich so gut gefühlt." Doch nach dem dritten Schießen verlor sie ihren rechten Stock, die Handschlaufe war gerissen. Und als sie den richtigen erhielt, musste sie an einem Anstieg stoppen.

Der Rückstand zur Spitze wuchs und wuchs. Beim letzten Schießen hakte auch noch das Gewehr. "Insgesamt hatte ich deshalb 20 Sekunden verloren - Scheiße", wusste sie. Und am Ende wurde sie von drei Läuferinnen auf dem Schlussabschnitt überholt. "Das ist ist wirklich sehr bitter", meinte auch Expertin Wilhelm.

Irgendwann in den nächsten Tagen wird Hildebrand wieder lachen. Über ihre Goldmedaille, die sie am Freitag in der Staffel holte und auf der wie auf allen Medaillen Kontiolahti falsch geschrieben steht. Über ihre vier Top-Ten-Plätze, die sie in ihren Einzelrennen erzielte. Aber gestern "war es einfach der Moment, der so wehtat".

Eine andere Dame konnte indes ihren Moment in vollen Zügen genießen: Franziska Preuß aus Haag, mit 21 Jahren die Jüngste im Team, sicherte dem Deutschen Skiverband (DSV) die zweite Einzelmedaille bei den Frauen: Nach Silber durch Laura Dahlmeier in der Verfolgung lief Preuß gestern auf Rang zwei im Massenstart hinter Weltmeisterin Walj Semerenko (Ukraine). "Ich hätte nie gedacht, dass es klappt. Eine Einzelmedaille schien unerreichbar", erinnerte sich Preuß an ihre Gedanken vor dem Saisonstart. "Es ist wie ein Traum, den man gar nicht glauben kann", sagte sie nun nach dem Gewinn ihres ersten Edelmetalls in einem WM-Einzelrennen in der ARD.

Medaillen waren für die deutschen Athleten in Kontiolahti allerdings die Realität: Sie gewannen insgesamt dreimal Gold und zweimal Silber, sie belegten in der Nationenwertung Rang zwei hinter Frankreich. Bei den Herren sicherte sich nach dem Verfolgungs-Gold von Erik Lesser (Frankenhain) auch die Staffel den Titel mit Lesser, Daniel Böhm (Buntenbock), Arnd Peiffer (Clausthal-Zellerfeld) und Simon Schempp (Uhingen). Nur beim gestrigen Massenstart über die 15 Kilometer gingen die Skijäger leer aus. Bester wurde Schempp als Achter beim Sieg von Jakov Fak (Slowenien).

Björn Weisheit, beim DSV der Sportliche Leiter Biathlon, erklärte die Erfolgsformel, die nach den enttäuschenden Olympischen Spielen 2014 mit nur einer Medaille zu den WM-Resultaten führte: "Wir haben hart daran gearbeitet, dass wir als Team zusammenwachsen." Als Team hatten die Athleten noch am Samstagabend auf ihr doppeltes Staffelgold auf dem Gang ihres Teamhotels "Kimmel" in Joensuu wenigstens ein klein wenig angestoßen. "Man muss einfach mal zufrieden sein, einfach mal Mensch sein. Sonst ist der Moment, den man genießen kann, schon vorbei", sagte der 26-jährige Lesser der dpa.

Auch Franziska Hildebrand darf einfach mal zufrieden sein. Das Staffelgold hatte ihr den schönsten Moment ihrer Laufbahn beschert. Am kommenden Wochenende startet sie beim letzten Weltcup in Chanty-Mansijsk (Russland). Sie freut sich auf die Rennen, sagte sie, "und auf die Abschlussparty der Saison" - der besten ihrer bisherigen Karriere.

 

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