Rostock l Spieglein, Spieglein an der Wand ... Mal davon abgesehen, dass weder der Gewinner noch der Verlierer nach dem hochklassigen, aber eben auch brutal harten WM-Duell in Rostock mit dem ramponierten Antlitz einen Schönheitspreis gewinnen konnte - am Morgen danach hätte sich Robin Krasniqi diesen Anblick gerne erspart. Sein Spiegelbild sah schlimm aus. Die Niederlage hatte Spuren hinterlassen. Deutlich sichtbare, wie der noch in der Nacht zum Sonntag von einem plastischen Chirurgen mit fünf Stichen genähte Cut an der Oberlippe. Die unsichtbaren Wunden ließen sich dagegen nur erahnen. Zu fragen, welcher Schmerz größer war - der körperliche oder der seelische - erübrigte sich spätestens beim Blick in die Augen des SES-Boxers.

"Ich bin traurig und maßlos enttäuscht. Ich kann nur schwer akzeptieren, dass ich es nicht geschafft habe, meinen Traum zu verwirklichen", gab Krasniqi, untröstlich und den Tränen nahe, zu. Zehn Jahre seiner Karriere, aber vor allem die letzten zwölf Wochen der knallharten Vorbereitung habe er "auf diesen einen Tag hingearbeitet", um am Ende auch bei seinem zweiten Anlauf auf den WM-Thron zu scheitern. "Ich muss das Ganze erst einmal in Ruhe sacken lassen und verstehen, was da passiert ist."

Im übertragenen Sinne hätte der Herausforderer aber durchaus in den Spiegel schauen können. Er hatte sich in einem von Beginn an offenen Schlagabtausch wacker geschlagen. Mehr noch. Krasniqi hatte dem von den 4800 Zuschauern in der ausverkauften Rostocker Stadthalle hochgepeitschten Lokalmatadoren Brähmer mit seinen druckvollen Angriffen "alles abverlangt", wie dieser hinterher ehrlich zugab.

Bereits in der zweiten Runde hatte es beim Weltmeister "geklingelt". Sofort sei ihm klar gewesen: Achtung, Gefahr im Verzug! "Robin hatte eine kompaktere Deckung als sonst. Er war sehr gut vorbereitet. Ich hatte ein, zwei Treffer mehr bekommen, als ich nehmen wollte." Das habe ihn überrascht und gezwungen, "meine Strategie zu ändern", so Brähmer. Abgezockt hatte er seinen Gegner anschließend aus der Doppeldeckung her- ausgelockt, um ihn dann mit unfassbarer Härte abzukontern. So brachte er Krasniqi mehrfach in Bedrängnis, in der neunten Runde wurde er gar angezählt.

Trotz der taktischen und boxerischen Meisterleistung hielt Trainer Carsten Röwer dem mit Kratzern, Beulen und einem blauen Auge schwer gezeichnet Sieger später den Spiegel vor: "Schau dich an", sagte er mit Verweis darauf, dass "einiges nicht nach Plan gelaufen" sei.

Nachdem Krasniqi unmittelbar nach dem abgebrochenen Kampf um Mitternacht - Trainer Dirk Dzemski hatte angesichts der Verletzung seines Schützlings vor Beginn der zehnten Runde die Reißleine gezogen - nicht in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen, "weil Schmerz und Trauer überwiegen", hatten zehn Stunden später bereits Einsicht und Vernunft eingesetzt: "Ich respektiere die Leistung von Jürgen Brähmer. Er war sehr stark", gestand Krasniqi. Dass es schwer werden würde, den mit 100 Amateur- und 46 Profikämpfen überaus erfahrenen und schlagstarken Champion nach Punkten zu besiegen, sei ihm ohnehin klar gewesen: "Ich war von Anfang an Außenseiter." Dass es ein Unfall war, der den Kampf vorzeitig beendet hatte, sei dagegen Schicksal. "Auch wenn ich bereit war, weiterzukämpfen, die Gesundheit geht vor. Der Abbruch war okay."

Und mit ein bisschen mehr Abstand tat auch der zweite Blick in den Spiegel nicht mehr ganz so weh. Mit einer Mischung aus Stolz und Trotz erklärte Krasniqi: "Es war eine verlorene Schlacht, aber nicht mein Untergang." Er habe gesehen, dass er mit dem Weltmeister auf Augenhöhe war. "Ich habe lange mitgehalten und ihn sogar ein paarmal zum Wackeln gebracht. Also, aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Ich werde mein Ziel weiter jagen."