Garbsen l Günter Perleberg ist vom Anruf überrascht. Der Frage, ob er Lust und Zeit habe, anlässlich des 60-jährigen Bestehens des SC Magdeburg über die guten alten Zeiten zu plaudern, begegnet der 80-Jährige nach kurzem Zögern mit drei Gegenfragen: "Sie wollen mit mir, dem alten ,Vaterlandsverräter` sprechen? Ist das überhaupt gewollt? Und wie haben Sie mich da drüben überhaupt aufgespürt?"

Die Fragen irritieren, schließlich haben sich die Zeiten geändert. Zum Glück. Und doch sind sie, das wird beim Besuch bei Günter und Rosemarie Perleberg in Garbsen bei Hannover klar, bezeichnend für eine deutsch-deutsche Sportgeschichte der besonderen Art. Denn einzig und allein der Liebe wegen wurde der erste Olympiasieger des SCM zur Unperson und aus den Annalen gestrichen.

Wessi, Ossi - das trifft alles nicht richtig

"Das Schlimmste, weil Ungerechteste aber war", so sieht es Perleberg heute, "dass ich zum Vaterlandsverräter abgestempelt wurde." Und dass, obwohl seine spektakuläre Flucht 1963 in den Westen, wo seit 1957 seine große Liebe "Rosi" lebte, eben nicht nur den sportpolitischen Hintergrund hatte. So wie bei vielen anderen der 600 Spitzensportler, Trainer und Ärzte, die zwischen 1949 und 1989 der DDR den Rücken gekehrt hatten und dafür gebrandmarkt oder totgeschwiegen wurden.

"Ich sage immer noch \\\'drüben\\\', wenn ich über meine Zeit in der ehemaligen DDR spreche", eröffnet der gebürtige Brandenburger, bis zum 65. Lebensjahr selbständiger Bauingenieur, das Gespräch im Büro seines Eigenheims. "Aber auch zu Freunden oder alten Weggefährten im Sport, zu denen der Kontakt nie abgebrochen ist, sage ich: \\\'Ihr da drüben\\\'." Das findet er selber komisch, aber er weigere sich gegen Bezeichnungen wie Ossi, Wessi oder neue und alte Bundesländer, so der zweifache Familienvater - Tochter Catrin (51), Sohn Heiko (46). "Das trifft es alles nicht so richtig. Und überhaupt, die Trennung hatten wir ja ohnehin lange genug, oder?"

Die erste Schüchternheit verfliegt schnell. Die blaugrauen Augen schauen verschmitzt. Den vielen Fragen entgegnet der Ex-Kanute, noch immer groß und schlank von Statur, mit sympathischer Bescheidenheit. "Was Sie alles wissen wollen! Im Grunde genommen, ist das alles gar nicht so spannend." Birgit Fischer sollte man lieber fragen. Die habe er bei einem Ehemaligen-Treff in Duisburg kennenlernt. "Mit ihren acht Olympiasiegen ist sie eine echte deutsche Sportgröße. Die Frau Fischer hat sicher einiges zu erzählen. So einer wie ich, der 1960 Gold geholt hatte in der 4x500-Meter-Kajakstaffel, die es heute gar nicht mehr gibt, interessiert doch heute keinen mehr."

Mit Lebensmittelkarten die Mutter ernährt

Von wegen. Die Kanuten sind immerhin die eifrigsten Medaillensammler des SCM. Und Zeitzeugen aus den Anfängen, als der Club noch SC Aufbau Magdeburg hieß, gibt es kaum noch. "Was wir gemacht haben, ist mit dem Leistungssport von heute gar nicht mehr zu vergleichen", erinnert sich Perleberg.

"Ernährung, medizinische Betreuung, Leistungsdiagnostik - davon konnten wir nur träumen. Bei uns herrschte dagegen große Unwissenheit und Trainingsnaivität", so der Kanute, für den der Leistungssport damals keine großen Vorteile brachte. "Bis auf die Lebensmittelkarten, die wir extra bekommen haben." Damit habe ich meine Mutter ernähren können, erzählt er und lacht: "Ein Sportler muss viel Fleisch essen - wegen des Eiweißes, hieß es."

Das Kanu-Abc hatte der Kajakfahrer in Brandenburg erlernt. Im Alter von 18 Jahren kam er nach Magdeburg, um hier zu studieren. 1956 schloss sich Perleberg dem SC Aufbau an. Unter den Fittichen von Trainerlegende Ernst Schmidt schrubbteer auf der Elbe seine Kilometer und kämpfte sich an die Welt-spitze. 1957 wurde er DDR-Meister im Zweier- und 1959 erstmals Europameister im Viererkajak. "Ungefähr zu der Zeit fing es auch an, dass die Spitzensportler vom Betrieb komplett fürs Training freigestellt wurden. Für mich war das nichts. Ich bin jeden Tag bis um 11 Uhr beim Spezialbau Magdeburg arbeiten gegangen und habe erst danach trainiert. Es war mir mit Blick in die Zukunft wichtig, dass ich im Beruf up to date bleibe."

Liebe war stärker als Angst

Als er 1960 mit der gesamtdeutschen Staffel über 4x500 Meter im Einerkajak Olympiagold gewann ("Dieter Krause und ich haben uns mit dem \\\'Bundis\\\' Friedhelm Wentzke und Paul Lange super verstanden"), da war das schon "eine große Sache", erinnert sich der Olympionike. "Aber mir waren der ganze Rummel und die vielen Ehrungen immer sehr unangenehm."

Die Freundschaft zu Rosemarie, die er bei einer Faschingparty an der Magdeburger Kunstschule kennenlernte, hielt Perleberg geheim. "Das war nicht gewollt." Doch aus Freundschaft wurde Liebe. Und die war so mächtig, dass der Kanute "nach außen hin das Spiel weiter mitspielte", insgeheim aber Fluchtpläne schmiedete.

Dreimal wurden sie durchkreuzt. 1963 glückte der erneute Versuch. Perleberg gewann im jugoslawischen Jajce den WM-Titel. Während des Abschlussbanketts setzte er sich von der DDR-Mannschaft ab und floh im Auto mit einem gefälschten Pass in die Bundesrepublik. "Die Liebe war stärker als die Angst. Erst später wurde mir bewusst, in welcher Gefahr ich mich befand." Ein schlechtes Gewissen hatte und habe er nicht. "Ich habe niemanden in Schwierigkeiten gebracht und auch nichts verraten. Was denn auch?"

Die Furcht vor politischer Verfolgung oder gar Entführung zurück in die DDR war groß. Doch nicht nur deshalb beendete Perleberg nach dem Gewinn der olympischen Silbermedaille in Tokio 1964 seine Karriere abrupt. "Ich hatte einfach genug von der Fremdbestimmung und der Politisierung des Sports auf beiden Seiten."

Noch bis Mitte der 70er Jahre quälten ihn Alpträume, gesteht er. Die sind heute verschwunden. Was geblieben ist, ist ein alter DDR-Koffer aus Leder. Voll mit vielen schönen Erinnerungen an das "Drüben". Perleberg versichert: "Ich schaue ohne Groll zurück." Das überrascht ganz und gar nicht.

 

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