Am Ende hat ihm der Erfolg Recht gegeben, auch wenn nicht alle Fans vom VfB Germania Halberstadt spontane Freude über den großen Umbruch im vergangenen Sommer empfunden hatten. Nun ist der Wernige- röder Andreas Petersen, 50 Jahre und seit April 2007 im Traineramt, mit dem Team in die Fußball-Regionalliga aufgestiegen - und dies drei Spieltage vor dem Saisonende. Für diesen Erfolg gab es viele gute Gründe. Darüber sprach mit dem Coach Volksstimme-Redakteur Daniel Hübner.

Volksstimme: Herr Petersen, 8. August 2010, erstes Punktspiel, 0:1 gegen Auerbach. Was war Ihr erstes Gefühl nach dem Ende?

Andreas Petersen: Ernüchterung, Enttäuschung. Aber auch Zuversicht. Auerbach war zu einem der Top-Teams der vergangenen Jahre auserkoren. Und wenn man dann unglücklich 0:1 verliert durch ein Tor in der 90. Minute, nimmt man trotzdem Positives mit. Läuferisch und spielerisch waren wir wenigstens gleichwertig. Natürlich war auch die Enttäuschung bei den Zuschauern da, es herrschte allgemeine Skepsis, weil wir ja einen großen Umbruch vorgenommen hatten.

Volksstimme: War denn dieser Umbruch für den Erfolg nötig gewesen, immerhin hatte Halberstadt 15 Zugänge und 19 Abgänge insgesamt zu verzeichnen?

Petersen: An den Erfolg habe ich eigentlich gar nicht gedacht. Als ich im April 2007 nach Halberstadt kam, haben wir gekämpft, um die Klasse zu halten. In den folgenden Jahren konnten wir uns schrittweise in der Tabelle verbessern mit gestandenen und guten Fußballern. Aber deren Zenit war irgendwann vorbei. Wir wollten uns auch von charakterlosen Typen trennen, auf die kein Verlass war. Ich bin dem Verein verpflichtet, dass er und die Zuschauer wieder Freude an der Mannschaft haben. Da kam für mich nur eines in Frage - den Umbruch zu vollziehen. Dass es gleich so funktioniert, ist umso schöner. Trotzdem ist es wie ein Märchen.

Volksstimme: Wenn man sich die Leistungsdaten jedes Einzelnen aus ihrem 25-Mann-Kader anschaut, gibt es zwölf Akteure, die bislang über eine Einsatzzeit von 1000 Minuten gekommen sind. Wie lange hat es gedauert, eine erste Elf zu finden?

Petersen: Das bedurfte schon seine Zeit, und die Zeit ist auch noch nicht abgeschlossen. Dazu gehört immer ein gesamt funktionierendes Team: Mannschaft, Betreuer, Busfahrer, Geschäftsführer. Andererseits hatten wir auch viel Pech, ob mit Verletzungen oder Krankheiten. Aber ich habe nie gejammert. Denn ich verpflichte nie eine Nummer 15, sondern immer Stammspieler. Wir sind hier unheimlich gut in der Breite aufgestellt. Jeder hatte von Anfang an das Gefühl, er muss Gas geben. Und der Lohn dafür ist das, was wir erreicht haben. Unsere Stärke war außerdem der ausgeglichene Charakter der Mannschaft auch außerhalb des Platzes. Die Kameradschaft ist sensationell. Trotzdem gab es auch in der Mannschaft Skeptiker. Nach den ersten Testspielen gab es den Spruch von Leistungsträgern: Trainer, wir werden gegen den Abstieg spielen.

Volksstimme: Und Sie haben das Ziel Aufstieg vorgegeben?

Petersen: Nein. Wir waren enttäuscht im Vorjahr, wir sind nur Zehnter geworden. Deswegen haben wir gesagt, wir holen uns neue Spieler, nicht nur Regional- oder Oberligaspieler, sondern auch Verbandsligaspieler, die hinhören, die wollen und alles aus sich herausholen. Das ist uns gelungen, weil wir uns im Vorfeld über jeden Einzelnen Informationen eingeholt haben. Wir waren auf jeden Spieler professionell vorbereitet. Und dann habe ich gesagt: Wir wollen unter die ersten Sechs.

Volksstimme: Sie haben auch einen Michael Preuß (Thale) aus der Landesliga geholt. Wie redet man solch einen Mann zu bislang 15 Toren in der Oberliga stark?

Petersen: Ich war schon drei Jahre an ihm dran, hatte immer eine Abfuhr bekommen, weil er sich das nie so zugetraut hatte. Ich habe ihm gesagt, dass er es einfach versuchen soll, habe ihm aber auch nie Freiheiten oder das Gefühl gegeben: Du bis der Größte, du bist der Beste. Auch er musste Gas geben, damit jeder sagt: Das ist ein Guter. Michael hat letztlich eine sensationelle Saison gespielt.

Volksstimme: Trotzdem ist im Winter Stürmer Fait-Florian Banser (29 Jahre) vom 1. FC Kaiserslautern II (Regionalliga) geholt worden. Musste der Angriff stabilisiert werden?

Petersen: Ich war seinem Berater Frank Lieberam dankbar, dass wir zueinander gekommen waren, sonst wäre er nach Magdeburg oder woanders hingegangen. Ich wusste, mit ihm können wir noch stärker sein im Angriff. Und Fait-Florian Banser kam nach Halberstadt und sagte: "Trainer, wir wollen aufsteigen." Davon war er überzeugt, obwohl er uns nie gesehen hatte. Er ist ein Führungsspieler, ein Publikumsliebling. Er verkörpert vieles.

Volksstimme: Sie haben alle Register gezogen, was das moderne Spielsystem betrifft. Sie haben ein 4-4-2 mit Doppelsechs oder mit Raute aufgeboten, ein 4-1-4-1 oder ein 4-2-3-1 mit nur einer Spitze. War die Flexibilität die größte Stärke ihrer Mannschaft?

Petersen: Wir haben uns in der Vorbereitung auf einige Systeme konzentriert. Aber mehr aus der Not ist dann eine Tugend geworden: bestes Beispiel Florian Eggert. Jahrelang war er unser Toptorjäger. Dann verletzte sich unsere komplette Innenverteidigung. Als ich ihm sagte, du spielst Innenverteidiger, hat er nur mit dem Kopf geschüttelt. Und dann hat er es gleich beim ersten Mal so hervorragend gemacht, dass ich gar nicht mehr auf die Idee kommen würde, ihn in den Sturm zu stellen. Er kann auch einen sehr guten Sechser spielen. Das hat in jedem System funktioniert. Er hat sich einfach zu 1000 Prozent damit identifiziert und uns damit weitergebracht.

Volksstimme: Gibt es Spieler für Sie, von denen Sie sagen: Die waren für mich unverzichtbar?

Petersen: Das war Sebastian Kischel, unser Torwart, der sich sensationell entwickelt hat. Das waren Eggert und Preuß. Sie waren das i-Tüpfelchen, das andere Mannschaften nicht haben.

Volksstimme: Mit Eggert und Preuß haben sie zwei Namen genannt, deren Verträge zum 30. Juni 2011 auslaufen. Insgesamt sind es 15 Kontrakte. Wie geht es personell weiter?

Petersen: Seit Mittwoch gibt es die ersten Gespräche. Wir haben auch einen riesigen Zulauf an Spielern und deren Beratern, was für Halberstadt und die seriöse Arbeit hier spricht. Aber ich möchte auch die wichtigen Spieler halten. Es wird natürlich wieder Härtefälle geben, von denen ich sage: Ihnen traue ich Regionalliga nicht zu. Dennoch werden auch sie wieder einen guten Verein finden. Wir müssen kein Harakiri betreiben, aufgrund der Regionalliga-Reform zur nächsten Saison wird es keine Absteiger geben. Trotzdem muss immer eine kleine Fluktuation da sein, um neuen Schwung reinzubringen. Deswegen werden wir uns mit maximal sechs Leuten verstärken, um in der neuen Liga nicht nur mitzuspielen, sondern auch konkurrenzfähig zu sein.

Volksstimme: Und wird Andreas Petersen das Team durch die Regionalliga führen?

Petersen: Die Vereine haben sich ja auch informiert, und natürlich freut man sich über einen Anruf und ein Angebot. In erster Linie will ich langfristig abeiten. Und ich habe meine Vita so gelegt, auch in der Nähe arbeiten zu können. Ich werde definitiv in Halberstadt weiterarbeiten. Mir kann nichts Besseres passieren, als das Team in der Regionalliga zu trainieren.