Magdeburg. Auch der Profisportler findet selten die Erfüllung im Hauptberuf allein. Andrea Petkovic, Deutschlands derzeit beste und allgegenwärtige Tennisspielerin, beschäftigt sich mit Politik, liest den Philosophen Jean-Paul Sartre oder den "Spiegel". Das nennt man: den Geist freischaufeln. Marcel Hacker hat Fotografie studiert, er genießt das Leben mit Katina und Sohn Haakon Theodor. "Die soziale Kompetenz ist unheimlich wichtig", sagt er. Und die mentale Stärke.

Hacker hat zuletzt in Vorbereitung auf die erste Kleinbootüberprüfung ein Zeichen gesetzt. Der Magdeburger, der für die Frankfurter Rudergesellschaft startet, erzielte beim eher ungeliebten Ergometer-Test zum Saisonauftakt in Leipzig eine persönliche Bestleistung mit 5:52 Minuten, und er fuhr beim folgenden Langstreckentest mit elf Sekunden Vorsprung auf Lauritz Schoof (Rendsburg), 13 Jahre jünger als Hacker, als Schnellster im Feld der 38 Skuller über die imaginäre Ziellinie. Hacker sagt: "Die Leitfigur hat gezeigt, dass sie sich auch anstrengt." Und er weiß: "Das war eine Motivation für die anderen."

Auf den ersten 1000 Metern der sechs Kilometer langen Distanz war der 33-Jährige mit 3:47 Minuten eher hinten dran im Top-Ten-Maßstab, auf den letzten 1000 Metern (3:43) war er allen weit voraus. "Das ist die hohe Kunst", erklärt der Olympiadritte von Sydney 2000.

Die jüngsten Resultate bestätigen ihn auch in seiner Trainingsarbeit. Hacker arbeitet mit einem Mentaltrainer zusammen, beide beschäftigen sich mit dem Umgang mit äußeren Einflüssen, mit dem strukturellen Aufbau eines Wettkampftages. Auch das soll den Blick auf den eigenen Anspruch schärfen, und der eigene Anspruch ist immer noch Hackers größte Motivation.

Bundestrainer Hartmut Buschbacher hat nach der Langstrecke vor allem einen "guten Eindruck" erhalten, "was die Leistungsdichte betrifft". Er hat gesehen, wie Athleten "konditionell eine Leistungsverbesserung gezeigt haben". Das galt in erster Linie für die Frauen, aber auch für die Männer, bei denen Mathias Rocher vom SC Magdeburg den neunten Platz im Einer belegte.

Buschbacher ist derjenige, der nach den Kleinboottests Mitte April in Köln und im Mai in Brandenburg sagt, welchen Booten er die besten Chancen auf Erfolg bei der Weltmeisterschaft in Bled (Slowenien) Ende August zugesteht – und wie er sie besetzt.

In einem Großboot möchten René Bertram (SCM) und Florian Eichner (HSV Böllberg) wieder ihren Platz finden, im Riemenvierer eroberten beide im vergangenen September Europameisterschafts-Gold, aber "wenn wir einen Einsatz im Achter kriegen, wäre das auch schön", sagt Bertram. Beim Langstreckentest in Leipzig, nach einer Vorbereitung mit gesundheitlichen Aufs und Abs, haben beide im Zweier ohne den vierten Platz belegt. "Das ist das, was man von uns erwartet hat." Zum Podest fehlten fünf Sekunden, die, sagt Bertram, "haben wir zwischen Kilometer vier und fünf verloren". Ihre Zukunft sieht Bertram deshalb nicht im Zweier, weil "wir im internationalen Vergleich nicht gut genug wären, um eine Saison lang vorne mitzufahren". Aber im Großboot könnten sie ob ihrer Erfahrung "eine gute Basis entwickeln" für ein erfolgreiches Abschneiden.

Nach dem Trainingslager an diesem Wochenende in Dortmund beginnt für Bertram das nächste Semester. Er studiert in Magdeburg Sportwissenschaft, Schwerpunkt: Gesundheitssport. Und er hat "noch einiges aufzuholen", sagt der 29-Jährige – gerade im Fach Psychologie. Auch das nennt man: den Geist freischaufeln.