Die Zahlen sprechen für sich und machten ihn zum DDR-Rekordspieler: 55 Treffer in 102 Länderspielen, 229 in 378 Oberliga-Partien – Joachim Streich war ein Stürmer par excellence. Heute feiert der in Möckern (bei Burg) wohnhafte Ausnahmefußballer, der für Hansa Rostock (1969 – 1975) und den 1. FC Magdeburg (1975 – 1985) auf Torejagd ging und gerne auch als "Gerd Müller des Ostens" bezeichnet wird, seinen 60. Geburtstag.

Magdeburg. Mit 60 liegt die aktive Laufbahn schon lange zurück, und so ist es kein Wunder, wenn Streich sagt, dass er die Dinge heute "sowohl sportlich als auch beruflich mit einem gewissen Abstand betrachtet" und dass "aufgrund des Alters auch keine Welt für mich zusammenbricht".

"Vier Elfmeter verschossen – einfach unfassbar"

Was aber nicht heißt, dass er sich nicht mehr genau erinnern kann. "Höhepunkte waren die Olympischen Spiele 1972 und die WM 1974. Nicht zu vergessen die drei Pokalsiege mit dem FCM und mein 100. Länderspiel im Londoner Wembley-Stadion, das ebenfalls einen besonderen Stellenwert hat", erzählt der Jubilar.

Aber auch ein Negativerlebnis der besonderen Art wurmt ihn noch heute: "Das war am 1. Oktober 1975 unser Erstrunden-Europacupmatch gegen Malmö. Wir hatten das Hinspiel 1:2 verloren, das Rückspiel 2:1 gewonnen. Nachdem auch in der Verlängerung kein Tor mehr fiel, ging es ins Elfmeterschießen, wo wir sage und schreibe vier Strafstöße verschossen und letztlich 1:2 verloren haben. Auch ich gehörte dazu, nachdem ich während der regulären Spielzeit noch einen verwandelt hatte. Was an jenem Abend passierte, war eigentlich unfassbar."

In der Regel aber überwog das Positive, wenngleich seine Karriere als Trainer (zweimal FCM, Eintracht Braunschweig und FSV Zwickau in der Zeit von 1985 bis 1997) nicht annähernd so erfolgreich verlief. FCM-Legende Wolfgang "Paule" Seguin erinnert sich: ",Strich‘ war für mich zusammen mit Peter Ducke einer der besten DDR-Stürmer überhaupt. Zwar nicht übermäßig groß, aber trotzdem kopfballstark, immer gefährlich und technisch begabt – ein typischer Instinktfußballer."

Im Sommer 2007 schnürte Streich zum letzten Mal seine Töppen, was ihm nach eigener Aussage nicht schwerfiel ("Irgendwann musste Schluss sein"), was aber dennoch tragisch war, denn es handelte sich ausgerechnet um das Vorspiel des so bitter verlaufenen "Finals" der FCM-Regional-ligakicker in der Aufstiegssaison 2006/07 gegen den FC St. Pauli. Mit einem Sieg hätte der Club den Durchmarsch in die 2. Liga perfektmachen können, doch es reichte bekanntlich nur zu einem 1:1 ...

Wenn es um den FCM geht, kann der zweimalige DDR-Fußballer des Jahres (1979, 1983) mittlerweile nur noch mit dem Kopf schütteln. "Es ist einfach traurig, was da passiert. Jetzt muss man schon um den Klassenerhalt in der 4. Liga bangen. Ein Patentrezept gibt es sicher nicht, aber der Kader muss dringend verändert werden. Allerdings schrittweise, denn eine Mannschaft muss zusammenwachsen, kann nicht in jedem Jahr quasi komplett ausgetauscht werden."

In dem Zusammenhang erzählt Streich, dass er sich jüngst das Derby zwischen Dynamo Dresden und RW Erfurt angeschaut und "Welten zwischen der dritten und vierten Liga" festgestellt hat.

Und noch etwas: "Man hat mich im Dresdner Stadion spontan gefragt, wie wir denn Ruud Kaiser als Trainer (der Holländer war vor seiner Entlassung in Magdeburg bei Dynamo und dort ebenfalls vorzeitig gescheitert/d. Red.) verpflichten konnten? Ein Anruf hätte genügt ... Das war schon irgendwie bezeichnend."

Und wo gerade vom Club die Rede ist, drängt sich natürlich die Frage auf, was denn eigentlich aus dem sogenannten Kompetenzteam geworden ist, das der Verein mit ehemaligen Club-Größen ins Leben rufen wollte? Streich dazu: "Manfred Zapf, ,Paule‘ Seguin, Axel Tyll, Frank Siersleben und ich haben uns angeboten und auch mit dem damaligen Präsidium und Aufsichtsrat gesprochen, aber offensichtlich sind wir nicht gewollt. Dabei denke ich, dass wir, eigentlich egal in welchem Bundesland, immer noch unsere Verbindungen haben und den Club unterstützen könnten."

Die Heimspiele besucht er mittlerweile nur noch ganz selten, widmet sich lieber seinem neuen Hobby, das da Golf (Handicap 34) heißt: "Das betreibe ich schon seit sieben Jahren. Man ist viel an der frischen Luft und wird auch dabei vom Ehrgeiz gepackt."

Apropos frische Luft: Gut möglich, dass es den in Wismar geborenen Streich und Ehefrau Marita, die aus Rostock stammt, irgendwann wieder an die Ostsee-Küste zieht. "Aber sicher nicht vorm Rentenalter", lacht Streich, der seit 1998 in einem Sportgeschäft in Magdeburg arbeitet und diesbezüglich noch einige Jährchen vor sich hat.

Aber Hansa ("Ich biete mich nicht an, könnte mir aber eine Tätigkeit im Verein vorstellen") und Rostock, das passt irgendwie für die Familie Streich. Und so ist es auch kein Wunder, dass das Geburtstags-Überraschungsgeschenk seiner Frau eine Reise nach Warnemünde war.

Bleibt an den gelernten Schaltanlagen-Monteur und diplomierten Sportlehrer noch die Frage, wo denn nun gefeiert wird? Streich: "Am kommenden Sonnabend in Möckern mit rund 70 Gästen. Ursprünglich war angedacht, den VIP-Raum in der MDCC-Arena zu mieten, aber da kam seinerzeit absolut kein Echo ..."

 

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