Die Schatten, die die Olympischen Sommerspiele von London vorauswerfen, sind schon heute unübersehbar. Überall auf dem Globus präparieren sich die Top-Athleten für die Tage vom 27. Juli bis 12. August, so auch in Sachsen-Anhalt. "Wer in der britischen Hauptstadt ein Wörtchen mitreden will, der muss in der Regel bereits in diesem Jahr mit überzeugenden Ergebnissen aufwarten", sagt der Leiter des Olympiastützpunktes Sachsen-Anhalt, Helmut Kurrat, im Gespräch mit den Volksstimme-Redakteuren Janette Beck und Rudi Bartlitz.

Volksstimme: Knapp 14 Monate vor dem Entzünden des olympischen Feuers in London, wo stehen Sachsen-Anhalts Spitzenathleten?

Helmut Kurrat: Eine generelle Einschätzung lässt sich da sicher kaum treffen. Da muss man sich schon jede Sportart einzeln anschauen. Was ich aber sagen kann, ist dies: Wir streben, unter günstigsten Umständen, an, 20 bis 25 Athleten aus unserem Bundesland ins deutsche Team für Olympia und die Paralympics 2012 zu entsenden. Daran wird vor allem an den beiden Standorten des Olympiastützpunktes, in Magdeburg und Halle, nicht erst seit diesen Tagen intensiv gearbeitet.

"Einzelgold für Sachsen-Anhalt wäre beispielsweise ein lohnendes Ziel"

Volksstimme: 20 bis 25 - das wäre zumindest gegenüber Peking 2008, seinerzeit vertraten 16 Sportlerinnen und Sportler Sachsen-Anhalt in der deutschen Mannschaft, eine deutliche Aufwärtsentwicklung.

Kurrat: Wie gesagt, die Zahl gilt unter günstigsten Umständen. Aber es ist schon so, dass wir seit Peking ein Stück vorangekommen sind. Und natürlich ist es auch so, je mehr Kandidaten du im Team hast, um so mehr Medaillenchancen gibt es.

Volksstimme: Stichwort Medaillenchancen. Natürlich interessiert es die vielen Sportfans im Lande immer besonders, wie die Aussichten "ihrer" Sportler sind, mit Medaillen dann auch wieder in die Heimat zurückzukommen.

Kurrat: Ich will und kann mich da jetzt natürlich noch nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. Aber Fakt ist doch, dass wir schon seit langer Zeit kein Einzelgold mehr nach Sachsen-Anhalt geholt haben. Das wäre beispielsweise ein lohnendes Ziel. Ansonsten schauen wir nicht zuerst auf die Farbe einer Medaille.

Volksstimme: Sondern?

Kurrat: Wichtig ist, dass möglichst alle mit Endkampf-Ambitionen ins Rennen gehen.

Volksstimme: Aus der chinesischen Hauptstadt haben Sachsen-Anhalts Olympioniken drei Plaketten (2x Gold, 1x Bronze) mitgebracht. Wie sehen die Prognosen diesmal aus?

Kurrat: Unserer Stützpunkt schickt Athleten mit olympischen und paralympischen Ambitionen in sechs Sportarten ins Rennen. Das sind Leichtathletik, Schwimmen/Wasserspringen, Rudern, Kanu, Turnen und Judo. Hinzu kommt noch als eigene Teildisziplin Kanu-Slalom. Da sollte es schon unser Ziel sein, ich betone: Ziel, die Ausbeute von 2008 zu übertreffen. Die besonderen Hoffnungen liegen da naturgemäß in den Mannschaftsbooten (Kanu, Rudern) und in den Staffeln (Leichtathletik, Schwimmen).

Volksstimme: Gehen wir doch einmal ein wenig in die Tiefe und schauen, wie von Ihnen eingangs angesprochen, auf die einzelnen Sportarten; natürlich unter besonderem Augenmerk der Magdeburger.

Kurrat: Erfreulich ist, nach einer zwischenzeitlichen Talsohle, der Aufschwung bei Leichtathleten und Schwimmern. So stellen die SCM-Leichtathleten durch Nadine Kleinert, Josephine Terlecki (beide Kugel), Janin Lindenberg, Eric Krüger (beide 400 m) und Martin Wierig (Diskus) allein fünf Kandidaten. Dazu könnte, einen weiteren Leistungssprung vorausgesetzt, auch noch Mittelstreckler Arthur Lenz kommen. Und nicht zu vergessen Ali Ghardooni (Diskus), der bei den Paralympics für Furore sorgen möchte. Demgegenüber steht allerdings mit Diskus-Ass Nadine Müller nur eine echte Olympiakandidatin aus Halle.

Bei den Schwimmern – wo Halle dagegen mit Paul Biedermann, Theresa Michalak und Daniela Schreiber drei sehr starke Leute in seinen Reihen hat – sind Helge Meeuw, Christian Kubusch und Franziska Hentke motivierte SCM-Kandidaten, die auf den London-Zug aufspringen können. Hier war es wichtig, dass der mittlerweile im Rentenalter befindliche Bernd Henneberg als Trainer bis London weitermacht. Erstmals wird bei den Schwimmern auch so etwas wie ein leistungsfähiger Unterbau ersichtlich.

Volksstimme: Und wie sieht es bei der traditionellen Magdeburger Olympia-Medaillen-Bank, den Kanuten, aus?

Kurrat: Hier stehen eigentlich fünf Athleten auf unserer Liste. Ganz obenan natürlich Peking-Olympiasieger Andreas Ihle. Aber auch unsere Vorzeige-Kanutin Conny Waßmuth sowie Erik Leue habe noch alle Möglichkeiten, sich in Szene zu setzen. Allerdings verliefen die Qualifikationsrennen für die diesjährigen Wettkampfhöhepunkte nicht erwartungsgemäß, denn mit Sören Schust und Chris Wend sind bereits zwei potenzielle Olympia-Kandidaten "durchgefallen". Hier bedarf es mit den verantwortlichen Trainern einer genauen Analyse – und das zeitnah und kritisch.

Volksstimme: Apropos Tests. Ist 2011 ein Jahr der vorolympischen Tests?

Kurrat: Nein, keineswegs. Die berühmten Zwischenjahre ohne die ganz großen Höhepunkte gibt es nicht mehr. Deutlicher denn je wird vielmehr: Wer 2011 keine fundamentalen, nachhaltigen Ergebnisse nachweisen kann, der hat für 2012 schlechte Karten. Und vor allem die junge Generation muss in der vorolympischen Saison ihre Ambitionen nachdrücklich beweisen.

Volksstimme: Es fällt auf, dass bei Ihren Ausführungen die Sportart Handball bisher nirgendwo auftaucht.

Kurrat: In der Tat haben wir aus aktueller Sicht keinen Handball-Nationalspieler. Die einzigen, die vielleicht theoretisch für London in Frage kämen, wären noch Andreas Rojewski und Yves Grafenhorst. Die Entwicklung bereitet uns Sorgen.

Volksstimme: Wo könnten Ursachen dafür liegen?

Kurrat: Generell würde ich sagen, dass die deutschen Top-Talente im Handball nicht den direkten Weg beschreiten. Auf den SCM bezogen heißt das aus meiner Sicht, überdurchschnittlich begabte Leute wie Philipp Weber oder Felix Storbeck hätte man an den Verein binden sollen. Auch das Zweitspielrecht bietet Möglichkeiten, sportlich bei jungen Leuten die Zügel in der Hand zu behalten. Es stellt sich auch die Frage, kann man einerseits Talente ziehen lassen und andererseits dafür fast Gleichaltrige von anderswo her nach Magdeburg holen? In meinen Augen ist das nicht gerade glaubwürdig.

Volksstimme: Nun gibt es nicht nur beim Handball mit dem Nachwuchs Probleme. Wenn Sie jetzt schon einmal auf Olympia 2016 schauen, wie wäre Sachsen-Anhalt denn da aufgestellt?

Kurrat: Nicht ganz so optimistisch. Wir sind nicht in allen Sportarten gut aufgestellt. Gerade bei den 12- bis 16-Jährigen gibt es zu wenig Talente. Bezogen auf Magdeburg heißt das, im Schwimmen und in der Leichtathletik sind die Grundlagen noch ganz gut, aber gerade bei unseren erfolgreichsten Sportarten des letzten Jahrzehnts, nämlich Kanu und Rudern, befinden wir uns in einer Phase, die uns in Schwierigkeiten bringen könnte.

Volksstimme: Auch hier wieder die Frage nach den Ursachen.

Kurrat: Da kommt einiges zusammen. Es sind teils strukturelle Probleme - so müssen Trainer gleichzeitig als Sichter, Nachwuchs-Trainer und als Spitzentrainer arbeiten –, teils Versäumnisse in den Sichtungsmodellen, teils wurden die vorhandenen begrenzten Ressourcen nicht von schwächeren Sportarten auf andere umgeordnet. Hinzu kommt generell, dass sich durch den Datenschutz der Zugang zu den Talenten an den Schulen erkennbar erschwert hat. Mit anderen Worten: Die Sichtung ist noch komplizierter geworden.

"Eine noch breitere Sportpalette kann sich Sachsen-Anhalt nicht leisten"

Volksstimme: In der Vergangenheit ist zuweilen darüber diskutiert worden, dass sich Sachsen-Anhalt als Land begrenzter Ressourcen vielleicht aus der Förderung der einen oder anderen Sportart zurückziehen sollte. Wie stehen Sie dazu?

Kurrat: Von Zurückziehen würde ich nicht reden, sondern vielmehr davon, sich noch mehr auf Schwerpunkte zu fokussieren Sachsen-Anhalt kann sich eine noch breitere Sportpalette einfach nicht leisten kann. Wir sind am Limit angekommen. Und das trotz der Tatsache, dass wir inzwischen, was den Sport betrifft, eine relativ stabile finanzielle Lage im Land haben. Gerade beim Sportstättenbau sind in der Vergangenheit bereits viele Dinge auf den Weg gebracht worden. Nichtsdestotrotz werden wir nach London noch einmal alles genau auf den Prüfstand stellen und vielleicht auch die eine oder andere unangenehme Entscheidung treffen müssen, damit Sachsen-Anhalt auch in Zukunft ein Sportland bleibt.

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