Magdeburg. Nennt sie niemals Mäuschen, Schätzelein oder Nesthäkchen! Keine tierische oder andersartige Verniedlichung dieser jungen Frau würde ihr gefallen, dazu hat Josephine Terlecki ja viel zu viel vor, als dass man ihr die Mär vom neuen Küken des SC Magdeburg, Disziplin Kugelstoßen, andichten sollte. Neu ist allerdings relativ, am Mittwochmorgen beim Training hat die 24-jährige ihrem Trainer Klaus Schneider vorgerechnet, dass sie ja beinahe vier Jahre unter seiner Anleitung trainiert – eine Zeit nicht nur voller Höhepunkte, sondern auch mit Rückschlägen, die die ruhige und freundliche Terlecki durchaus zu verkraften hatte.

1,83 Meter groß ist die Athletin, die mit dem 1. Januar 2011 von der LG Ohra-Hörselgas nach Magdeburg gewechselt ist. Dass dieser Schritt erst jetzt gekommen ist, hatte einen schlichten Grund: "Ich habe mich dort gut betreut gefühlt", sagt Terlecki. Aber inzwischen hat sich rund um den SCM ein Freundeskreis aufgebaut, die Weimarerin findet die besten Trainingsbedingungen vor, und nicht zuletzt hat sie auch einen großen Sprung gemacht: Vor den vergangenen Hallen-Bezirksmeisterschaften lag ihr Rekord unter dem Dach bei 17,44 Meter, nun liegt er bei 17,81 Meter. Damit hat sie erstmals die Norm geschafft für die Hallen-Europameisterschaft in Paris Anfang März. Heute Abend beim internationalen Meeting in Nordhausen, wo zirka 2000 Zuschauer auf die Kugelstoßer warten werden, wird sie die Norm erneut angreifen. "In Nordhausen", sagt sie, "habe ich immer gut gestoßen."

Und der Angriff geht weiter: Der Freiluft-Rekord der deutschen B-Jugend-Meisterin (2003) liegt bei 18,00 Meter und datiert aus dem Jahr 2008. Dass sie in dieser Hinsicht keinen Zentimeter weitergekommen ist, hat ebenfalls seinen Grund: "Ich hatte 2009 mit Rücken- und Schulterproblemen zu kämpfen", erklärt sie. Schneider sagt deshalb: "2010 war für sie das Aufbruchjahr. Sie hat sich gut entwickelt." Bei einem Meeting in Mailand kam sie auf 17,98 Meter – der Anfang vom Angriff.

Es ist also kein Wunder, dass sich Josephine Terlecki viel Gesundheit wünscht, wenn sie am 17. Februar ihren 25. Geburtstag feiert. Sie steht in gewisser Weise "für den Generationswechsel", sagt der Coach, nachdem die Neubrandenburgerin Petra Lammert ihre Karriere beendet hat. "Sie soll noch schneller ins internationale Geschäft reinkommen."

Terlecki, die einst Basketball und Volleyball spielte und dann bei "Jugend trainiert für Olympia" – da war sie bereits 15 Jahre – als Kugelstoßerin entdeckt wurde, hat Deutschlands beste Athletin in Magdeburg an ihrer Seite: Nadine Kleinert. Kleinert hat einen völlig anderen Weg beschritten, sie kam mit 13 Jahren zum Sportgymnasium, hatte großes Talent fürs Kugelstoßen, die Kraft und die Größe. Terlecki, die das Sportgymnasium in Erfurt und Jena besuchte, hat auch Talent, muss sich aber auch vieles erarbeiten. Zu ihren Stärken zählt das Mitglied der Bundeswehr-Sportfördergruppe ihre Schnelligkeit und ihre Sprungkraft. Ihre Schwäche sieht sie in der Technik, und: "Ich habe das Gefühl, ich habe noch zu wenig Kraft." Schneider bestätigt dies mit einem Nicken.

Terlecki, die gerne Essen geht mit Freunden und dabei "ein schönes Rumpsteak" nicht verschmäht, hat nicht nur in der Halle bereits ihr Ziel vor Augen. Schneider ist sich sicher, dass sie in der diesjährigen Freiluft-Saison eine 18,50 Meter schaffen kann. Damit würde sie die Norm für die WM in Daegu (Südkorea) vom 27. August bis 4. September um zehn Zentimeter übertreffen. Drei Startplätze darf der Deutsche Verband besetzen. Mit Na-dine Kleinert, Denise Hinrichs (TV Wattenscheid) und Christina Schwanitz (LV Thum) wartet eine große Konkurrenz auf Josephine Terlecki. Aber jeder Angriff ist in erster Linie die größte Herausforderung an sich selbst. Schneider definiert das so: "Durchhaltevermögen, Ehrgeiz und der Glaube an sich selbst."