Er kann auch laut beim Training, sagen Mitspieler über den ruhigen, besonnenen Stian Tönnesen. Das glaubt man gar nicht, wenn man ihm gegenüber- sitzt bei einem Kaffee, seine starken Schultern immer wieder in den Blick fallen, während Tönnesen sein Leben resümiert. Ein paar Kapitel zumindest, es ist keine endgültige Biografie, soll es auch noch lange nicht werden. "Ich habe viel Spaß am Handball", sagt der Norweger mit entsprechend skandinavischem und deshalb niedlichem Akzent. Viel Spaß beim SC Magdeburg.

Magdeburg. Drei Männer haben den Handballer Tönnesen entscheidend geprägt. Kent-Harry Andersson hat ihn bei Drammen HK Mitte der 90er Jahre zum Mittelmann erhoben, Jan Karlsson hat ihm mit intensivem Technik- und Taktiktraining bei Ystad HK das Streben nach der Perfektion vorgelebt. Und bei Magnus Andersson, dem ehemaligen Mittelmann der schwedischen Nationalmannschaft, hat er studiert, wie Kreisanspiele zum Erfolg führen können. Tönnesen ist mittlerweile 36 Jahre und damit der erfahrenste Akteur beim Magdeburger Bundesligisten. Er könnte selbst Empfehlungen geben, zum Beispiel an Philipp Weber, den schon heute nicht wenige als seinen Nachfolger sehen und der ab der neuen Saison für den HC Empor Rostock aufläuft. Aber Tönnesen sagt: "Jeder muss seinen Weg finden." Das musste er auch. Und jeder entscheidet selbst über ein Richtig oder ein Falsch.

Tönnesen hat sich mit 24 Jahren gesagt: "Das ist jetzt meine letzte Chance, noch einmal 100-prozentig für den Handball zu arbeiten." Mit dieser Einstellung ging er 1998 nach Ystad und beendete damit eine Zeit der Unruhe, als Tönnesen selbst nach vielen Einsatzzeiten suchte. Unter Andersson bei Drammen HK, mit dem er 1996 den City-Cup gegen den VfL Hameln gewann, hatte er davon nicht so viele, beim HF Kroppskultur (Schweden) waren die Teamgefährten allesamt zehn Jahre älter als er. Zurück in Norwegen, bei Elverum Handball, gewann er mit seiner Mannschaft das erste Punktspiel – und verlor die folgenden 21. "Trotzdem herrschte eine tolle Stimmung im Team", erinnert sich Tönnesen. Erst 2003 kam er nach Deutschland, weil ein Freund ein Video von ihm bei TuS Nettelstedt-Lübbecke gezeigt hatte. Und seit dreieinhalb Jahren spielt er für den SC Magdeburg.

Hier ist er Regisseur, der Gestalter. Manche würden sich wünschen, Tönnesen suche selbst einmal mehr den Abschluss. In Nettelstedt markierte er in der Saison 2006/07 155 Treffer und trug zum Klassenerhalt bei. Heute entscheidet er ein Spiel mit Übersicht, er entdeckt die Schwächen des Gegners, und er nutzt sie, weil er die Teamkollegen geschickt in Position bringen kann.

Eine andere Aufgabe hatte er in der vergangenen Saison auch nicht, aber "wir sind auch nur Menschen, es herrschte viel Unruhe im Verein, da macht man sich Gedanken". Das Sportliche litt – kein Selbstvertrauen, kein Glaube an sich selbst. Tönnesens persönlicher Höhepunkt war die Geburt seiner Tochter Carla am 6. Mai. Morgens um vier kam er aus dem Krankenhaus, abends gewann er gegen Großwallstadt. 25 Punkte hatte der SCM am Ende gesammelt, in dieser Serie sind es bereits 22 Zähler. Platz sieben gilt es nun zu verteidigen. "Da kommen schwere Aufgaben auf uns zu, aber wir haben keine Angst."

Es stimmt vieles beim SCM zurzeit. Mit Frank Carstens lebt ein Trainer vor, "immer gewinnen zu wollen". Nur die Effektivität in den Auswärtspartien stimmt nicht immer. Auch wenn Tönnesen "eine Verbesserung in den Leistungen" in der Fremde gesehen hat. Die Lösung klingt einfach: "Wir müssen auch an schlechten Tagen gewinnen können" – wenn die Magdeburger einfach nur einen "kühlen Kopf" bewahren. Genau das ist wohl der fehlende Schritt zum echten Spitzenteam.

Einen 36-Jährigen darf man nach seinem Leben nach dem Handball fragen. An dieses Leben denkt nur Tönnesen, der Sportlehrer, noch nicht. Er ist bis 2012 auf jeden Fall beim SCM. Ob er danach bleibt oder ob es ihn mit seiner Kim und den Kindern Colin und Carla wieder nach Schweden oder Norwegen verschlägt, ist noch weit weg. "Ich fokussiere mich voll auf den Handball", sagt Tönnesen. Man könnte in fünf Jahren noch mal nachfragen? Tönnesen lacht: "Da habe ich auf jeden Fall aufgehört." Schade.

Der SCM bestreitet heute sein letztes Testspiel gegen Hannover-Burgdorf. Anwurf in der Halle des Julianum-Gymnasiums in Helmstedt ist um 19.30 Uhr.