Und wieder war‘s ein 2:1 in der Nachspielzeit. So groß die Freude über den Siegtreffer von Ivica Olic auch war, kurz nach dem Schlusspfiff mussten die Bayern-Bosse nach der neuerlichen Nervenschlacht mit Manchester United erst einmal kräftig durchschnaufen.

München (dpa). Mit angestrengten Gesichtern marschierten Präsident Uli Hoeneß und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge durch die Gänge der Allianz-Arena – der Königsklassen-Krimi mit Manchester United hatte auch ihnen einiges abverlangt. Doch dann durften sie wie Trainer Louis van Gaal die Sekunden-Revanche gegen ManU und einen süßen Sieg auskosten. "Ja, süß ist das richtige Wort", merkte van Gaal nach dem 2:1 (0:1) im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League genüsslich an.

Anders als beim tränenreichen 1:2 von 1999 war es diesmal zwar kein Finale und gewonnen ist vor dem Rückspiel am Mittwoch in Manchester, in dem ein Remis reicht, sowieso noch nichts. Aber erstaunlich war das neuerliche Sekunden-Spektakel allemal. Erst netzte Wayne Rooney nach nur 63 Sekunden für die "Red Devils" zum Bayern-Schock ein. Dann aber glichen die Münchner durch das glückliche Freistoß-Tor von Frank Ribèry (77. Minute) aus. Und dank unbändigen Willens, den Mario Gomez bei seiner Vorarbeit vor dem 2:1 perfekt verkörperte, bog Schlitzohr Olic (90./+2) die Partie noch um. "Aber noch sind wir keine Runde weiter. Wir haben eine Chance, aber das wird schwer genug", warnte Nationalverteidiger Philipp Lahm.

Erst mal also wieder Schalke. Nach dem überschwänglichen Jubel auf dem Platz, als Olic sich verfolgt von der Mannschaft und gefeiert von 66 000 Zuschauern das Trikot vom Leib riss, war gleich wieder Konzentration auf die nächste Hammer-Aufgabe an der Tagesordnung. "In der Kabine war keine Euphorie angesagt, sondern der Fokus auf Schalke gerichtet", berichtete Rummenigge, der wegen des malträtierten Rasens in der dortigen Arena die DFL zum Einschreiten aufforderte. "Wir haben jetzt zwei Spiele vor der Brust, die werden über die laufende Saison entscheiden."

Wenngleich die Ausgangslage nach dem Sieg über den Vorjahresfinalisten zumindest für die Champions League überraschend gut ist. "Unsere Priorität hat die deutsche Meisterschaft und durch Erfolge wie diesen wird die Mannschaft beflügelt", versicherte Sportdirektor Christian Nerlinger.

Bevor die Münchner gegen Manchester zum Höhenflug ansetzten, kam durch den Treffer von Rooney, der an Krücken aus der Arena humpelte, der tiefe Fall. "Da bist du im Rückstand, bevor das Spiel überhaupt angefangen hat", klagte Jung-Nationalspieler Thomas Müller. "Aber das Gute ist, dass man 90 Minuten hat, um das wieder umzubiegen." Und noch ein paar entscheidende Sekunden Nachspielzeit oben drauf.

Nachdem sich die Münchner irgendwann vom Schock erholt hatten, zeigten sie "Leidenschaft, Willen, Charakter", wie es Rummenigge formulierte und mutierten schon jetzt zu einer Art Überlebenskünstler in der Champions League. In Turin drehten sie nach einem 0:1 noch das Spiel und zogen mit einem 4:1 in die K.o.-Runde ein, in Florenz wendeten sie das Achtelfinal-Aus wiederholt ab; und jetzt könnte das diesjährige Königsklassen-Bravourstück gegen ManU gelingen. Sowohl im Rückspiel als auch gegen Schalke 04 soll Turbo-Mann Arjen Robben wieder dabei sein.

Erstmals seit dem Titelgewinn 2001 winkt das Halbfinale, und ein Blick auf ein paar Zahlen lässt zumindest die Herzen von Statistik-Fans höher schlagen. Damals gewann der FC Bayern in München (wenn auch das Rückspiel) mit 2:1 im Viertelfinale gegen Manchester, damals lag der Rekordmeister auf der Bundesliga-Zielgeraden mit zwei Punkten hinter dem späteren "Meister der Herzen", Schalke 04, zurück ...

Die Gelsenkirchener und auch die Engländer wollen verhindern, dass sich Geschichte wiederholt. "Das Spiel ist noch nicht tot, zu Hause haben wir eine gute Chance. Aber es ist sehr eng", sagte ManU-Coach Sir Alex Ferguson. "Das Tor kam sehr früh, wir mussten dafür nicht arbeiten."